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Im Jobcenter Alsdorf: Ausstellung macht das erschreckende Ausmaß der Gewalt deutlich

Im Jobcenter Alsdorf : Ausstellung macht das erschreckende Ausmaß der Gewalt deutlich

Mindestens Zweidrittel der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst haben in den vergangenen Jahren eine Form von Gewalt im Dienst erlebt. Mit einer Ausstellung macht der DGB darauf aufmerksam.

Alexander ist Feuerwehrmann, Janine Ordnungsamtsmitarbeiterin. Siegfried ist Busfahrer, Sophie Polizistin. Sandro arbeitet für die Bahn, Simone ist Pflegerin. Manfred ist Müllmann. Sie alle eint, dass sie schon Opfer von Gewalt aufgrund ihrer Tätigkeit geworden sind. Angespuckt, beschimpft, getreten, gemobbt. Gewalt hat viele hässliche Fratzen. Nun hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) dem Thema, das ihn bereits länger umtreibt, eine Wanderausstellung mit dem Titel „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ gewidmet. Im Alsdorfer Jobcenter wird sie nach ersten Stationen in Düren, Euskirchen und Aachen nun ebenfalls präsentiert.

67 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst hatten in den vergangenen zwei Jahren mindestens eine Gewalterfahrung am Arbeitsplatz. So lautet das erschreckende Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des DGB. Gewalt ist ein zunehmendes Problem für viele Beschäftigte in fast allen Bereichen des öffentlichen Dienstes. Die wesentlichen Ergebnisse der bundesweiten DGB-Studie greift die neue Wanderausstellung auf. Wie den Negativrekord von 38.960 Gewalttaten gegen Polizistinnen und Polizisten in 2020 oder die 27.816 Tage, die Bahnbeschäftigte im Jahr 2019 nach Übergriffen ausfielen – eine Steigerung um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Geschäftsführer der Jobcenter in der Städteregion, Stefan Graaf, mahnte daher in seiner Grußansprache die fehlende gesellschaftliche Solidarität an, die sich in Form solcher Gewaltauswüchse manifestiere. Er zitierte einen „Kunden“ der öffentlichen Hand, der wegen einer Kommunikation über einen schnöden Bildungsgutschein sprachlich bis hin zur Nennung von Auschwitz und einer Bombendrohung eskalierte.

Graaf forderte für solche Taten eine Null-Toleranz-Haltung, denn: „Wir sind Menschen, die für Menschen im Dienstleistungssektor tätig sind.“ Bürgermeister Alfred Sonders unterstrich Graafs Worte, indem er auf die sich gewandelte Sprache einging. Wer unter einem Pseudonym in den sozialen Netzwerken agiere, habe oft eine gesunkene Hemmschwelle, Dinge zu sagen, die man einige Jahre zuvor noch nicht so gesagt hätte. Zur Ausstellung befand Sonders: „Die Schilderungen sind berührend und erschreckend.“

Ralf Woelk, Geschäftsführer der DGB Region NRW Süd-West, kam auf die Umstände zu sprechen, die zur Ausstellung geführt haben. Denn nur die Polizei habe zuvor eine valide Statistik über Gewalt gegen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geführt. Eine Gewerkschaftsumfrage brachte dann erst neuerliches Zahlenwerk zutage. Die Ausstellung, so Woelk, sei ein regionales Produkt, das nach konsequentem Einschreiten des Rechtsstaates rufe.

Unter der Epidemie habe die Gewaltlage tendenziell noch zugenommen. „Wen Sie in der Ausstellung sehen, das sind nicht irgendwelche Models, sondern authentische Vertreter ihres Berufsstandes.“ Joachim Müller, Vorsitzender des Personalrats des Jobcenters, mahnte die Nachsorge nach Gewalterfahrung an sowie eine ausreichende personelle Ausstattung der Jobcenter.

Das „Aachener Modell“, etabliert nach der Geiselnahme im Aachener Jobcenter 2007, werde zwar bundesweit umgesetzt, aber verschiedene Krisen und das kommende Bürgergeld seien neue Herausforderungen für die Beschäftigten. Ausdrücklich begrüßte er, dass die Ausstellung nicht nur im oberen Besprechungsraum stehen bleibe, sondern auch die einzelnen Warteräume des Jobcenters in Alsdorf durchlaufen werde.