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Nordkreis: Alleine die Fahrtkosten sind höher als das Einkommen

Nordkreis : Alleine die Fahrtkosten sind höher als das Einkommen

„Das Licht an meinem Rollstuhl ist schon lange kaputt, ich traue mich gar nicht, das reparieren zu lassen...” Die Beleuchtung ihres Fortbewegungsmittels bereitet Gudrun Kaufmann allerdings noch die geringsten Sorgen.

Die 45-Jährige ist chronisch krank, seit Jahren erwerbsunfähig. Mit ihrer bescheidenen Rente hatte sie sich ihr durch körperliches Leiden geprägtes Leben eingerichtet.

Doch seit 1. Januar weiß sie nicht mehr ein noch aus. „Es ist nicht geklärt, wer als chronisch krank anerkannt wird, welche Kosten durch die Krankenkasse ersetzt werden.” Alleine die Transportkosten zu ihren Ärzten übersteigen ihr Einkommen bei weitem: einmal im Monat ambulante Schmerztherapie in Aachen sowie Katheterwechsel beim Urologen in Baesweiler, zweimal im Quartal zum Hausarzt wegen eines wachsenden Tumors in der Schilddrüse, einmal im Quartal zum Augenarzt, weil wegen Cortisoneinnahme der Augeninnendruck beobachtet werden muss, alle drei Monate zur Frauenärztin wegen chronischer Unterleibsentzündung.

Alleine für eine Fahrt zum Arzt nach Aachen und zurück habe der Behindertenfahrdienst 204,28 Euro abgerechnet, berichtet Gudrun Kaufmann. Viel Geld, das sie zurzeit selbst auslegen muss, ohne zu wissen, wieviel sie ersetzt bekommt. „Das kann ich mir nicht mehr leisten”, sagt sie und hat diverse Arzttermine erst einmal abgesagt. „Ich bin alleinstehend. Wer soll mich zum Arzt bringen? Und der ÖPNV wird immer mehr zurückgefahren. Zudem sind lange nicht alle Busse mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer ausgestattet.”

Dazu kommen weitere Kosten für Verbrauchsmaterial wie Katheter, Beutel, Desinfektionsmittel, Blasenspritzen... Zudem die Physiotherapeutin - und die Medikamente: Bisher war sie auch hier von Zuzahlung befreit, was sie künftig zahlen muss, steht noch nicht fest.

Auch Heike Natschke-Seidel, in zweiter Ehe verheiratet und Mutter von vier Kindern, fragt sich, ob ihre chronische Erkrankung anerkannt wird. „Bisher reichte unser Einkommen. Aber was wird kommen?”

Und Werner Weihrauch (75), ebenfalls chronisch krank, weiß nicht mehr, wie er mit seiner kleinen Rente klarkommen soll. Sein „Mindereinkommen” sei vorerst nicht relevant, wurde ihm bei der Krankenkasse mitgeteilt. Ebenso wenig sei die Chroniker-Frage geklärt.

Große Verunsicherung herrscht hier in der Tat, wie eine stichprobenhafte Umfrage bei Krankenkassen ergab, wo teils differierende Interpretationen der gesetzlichen Vorgaben herrschten. Gudrun Kaufmann: „Ulla Schmidt spricht von ein bis zwei Prozent Mehrbelastung für den Einzelnen unter dem Strich. Doch wie soll ich ich das alles vorstrecken bei meiner kleinen Rente?”

Das berichtete ein Leser der AZ: Für ganze 61,22 Euro ist er mit seiner Frau im Dezember von Brüssel nach Pisa und zurück geflogen. Im Januar musste seine Mutter, Rollstuhlfahrerin, von einem Behindertenfahrdienst von ihrer Wohnung (in Alsdorf) zum Zahnarzt (auch in Alsdorf) gebracht werden. Strecke: 7,5 Kilometer; Zeitaufwand: 20 Minuten; Fahrpreis: 56,24 Euro einfach...