1. Lokales
  2. Nordkreis

Nordkreis: Ab Mitternacht gibts richtig viel zu tun

Nordkreis : Ab Mitternacht gibts richtig viel zu tun

Der Mann wimmert, Hemd und Hose sind blutgetränkt. Unbekannte haben eine Flasche auf seinem Kopf zertrümmert. Warum, das weiß niemand. Sicher ist nur eins: Für den jungen Mann ist Silvester gelaufen. Mit Feiern ist jetzt nichts, ein Rettungswagen bringt ihn vom „Cinetower” direkt ins Krankenhaus.

Vergewaltigung, Messerstecherei, Schlägerei, Einbruch, Vandalismus, Trunkenheit am Steuer: Das ist der ganz normale Wahnsinn, mit der es die Polizeiinspektion Nord in Alsdorf in der Silvesternacht zu tun hat.

„Ab Mitternacht geht es rund. Wir rechnen mit doppelt so vielen Einsätzen wie in einer normalen Nacht”, prophezeit der stellvertretende Dienstgruppenleiter Dietrich Eckert mit Blick auf die Uhr. Von 20 bis 6 Uhr in der Früh werden er und seine Kollegen in der Nacht zum neuen Jahr im Einsatz sein, in Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen für Sicherheit sorgen.

Noch ist alles ruhig. Zeit für eine kleine Stärkung. Zur Feier des Tages gibt es Essen vom Chinesen. Der Restaurantbesitzer aus Baesweiler, der das Essen bringt, ahnt nicht, dass es wenig später ein Wiedersehen mit den Beamten geben wird. Irgendwer bricht in seine Wohnung ein, stiehlt die Autoschlüssel und macht sich mit seinem Mercedes-Benz davon.

35 Einsätze

35 Einsätze gibt es in dieser Silvesternacht für die Ordnunghüter. Jedoch: Nicht nur zum Jahresausklang haben sie alle Hände voll zu tun. Die Personaldecke werde immer dünner, die Einsätze würden mehr, bilanziert Eckert. Auch der Verwaltungsaufwand sei immens gestiegen. „Früher hat es oft gereicht, wenn wir mit erhobenem Zeigefinger drohten”, macht der Oberkommissar einen Zeitsprung zurück, als für viele Menschen die Zeche einer der größten Arbeitgeber in der Umgebung war. „Der Kumpel hat das verstanden. Heute hingegen muss man fast immer Maßnahmen ergreifen, weil eine Ermahnung ins Leere greift”, bedauert der 53-Jährige.

Zwei Minuten nach Mitternacht erfüllt sich die Vorhersage des Oberkommissars. Es geht Schlag auf Schlag. Die Anrufe werden entweder über die Aachener Einsatzzentrale nach Alsdorf geleitet oder kommen hier direkt an.

Messerstecherei in Würselen

Mit Blaulicht braust eine Streife davon: Messerstecherei in Würselen. Die Beamten treffen auf einen 55-Jährigen und eine 45-Jährige, die sich gegenseitig mit Messern traktieren. Ab ins Krankenhaus. Beide bekommen eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung. Die Frau darf außerdem zehn Tage lang die gemeinsame Wohnung nicht betreten.

Wie auf ein geheimes Kommando brechen fast zeitgleich im kompletten Nordkreis Schlägereien aus. Mit nur einer Streife auszurücken, das funktioniert bei kleineren Schlägereien. Gut, dass die Alsdorfer an diesem Abend von Aachen zwei Hundeführer zur Verstärkung bekommen haben.

Der „Cinetower” wird gleich mehrfach Schauplatz. Ein verkappter Herkules hat zwei Schilder aus der Betonverankerung gerissen, macht auf lammfromm, als die Polizei eintrifft. Eine Anzeige bekommt er trotzdem, da hilft alles Lamentieren nichts.

Fast ausnahmslos junge Männer

Kaum sind die „Freunde und Helfer” weg, startet die nächste Schlägerei vor dem Vergnügungspunkt. Fast ausnahmslos sind es junge Männer ausländischer Abstammung, die sich in die Haare kriegen. Wieder müssen zwei Rettungswagen Verletzte abtransportieren. Manche Streithähne sind so dreist, dass sie vor den Augen der Polizisten weiter aufeinander einprügeln.

Die Beamten setzen Prioritäten, selektieren, was warten kann und was nicht, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. „Man muss ein dickes Fell haben, sonst kann man diesen Beruf nicht lange machen”, sagt Polizeikommissar Stefan Esser. Nicht warten kann eine junge Frau. Ein Mann habe sie in der Toilette des „Cinetowers” vergewaltigt, ihr ein Messer an die Kehle gehalten. Behutsam versuchen die Polizisten die Details zu ergründen.

Weil sie trotz aller Vorsicht nicht weiter kommen, wird eine Kollegin bestellt, die just an einem anderen Einsatzort ist. Doch auch Polizeihauptmeisterin Ellen Fink kann der aufgelösten 24-Jährigen nichts entlocken. Die Spurensicherung wird alarmiert, niemand außer den Beamten darf die Toilette betreten. Die junge Frau hat man inzwischen ins Klinikum gebracht, eine Anzeige wegen Vergewaltigung aufgenommen.

Den Führerschein und die Ehefrau los ist ein 78-Jähriger. Die Polizei sucht bereits nach seinem Auto. Die Besatzung eines Streifenwagens hat Glück, entdeckt das Fahrzeug mit Heinsberger Kennzeichen in Alsdorf. Der betrunkene Fahrer bringt nur noch Schlangenlinien zustande, ignoriert die Polizei, die ihn zum Stoppen bringen will. Kurzfristig wird der 78-Jährige sogar zum Geisterfahrer, rammt schließlich eine Verkehrsinsel samt Schild. Die Irrfahrt ist endlich zu Ende. „Ich habe mich heute von meiner Frau getrennt”, meint er nur.

Auf der Wache in Alsdorf ist der Heinsberger, dem nun eine Blutabnahme bevorsteht, nicht allein. Eine junge Frau aus Würselen hat ihren Freund vermöbelt. Erst auf der Wache beruhigt sie sich langsam, wird aber wieder renitent, weil sie nicht nach Hause darf.

Von vorne los

„Wenn wir sie nach Hause lassen, geht das ganze Theater von vorne los. Das macht keinen Sinn”, erklärt Polizist Jörg Geibel. Die Frau verlangt, ihren Anwalt anrufen zu dürfen. Sie darf, erreicht aber niemanden, was angesichts der Uhrzeit - es ist 4.30 Uhr - wenig verwundert. Schnürsenkel, Schmuck, Halstuch und andere Dinge, die man für einen Selbsttötungsversuch zweckentfremden könnte, nehmen ihr die Beamten aus Sicherheitsgründen für die Dauer der „nächtlichen Logis” ab.

Ein junger Mann, der mit Altersgenossen randalierend durch Baesweiler gezogen ist, kommt mit dem erhobenen Zeigefinger davon. Der Schreck hat in diesem Fall gewirkt. Zumindest für dieses Silvester, für diese eine Nacht.