Herzogenrath: 40 Jahre ABK-Hilfswerk: Jeder soll eine Chance haben

Herzogenrath: 40 Jahre ABK-Hilfswerk: Jeder soll eine Chance haben

Die Geschichte von Veronika kann als typisch bezeichnet werden — zum einen für die Entwicklung von Kindern, in deren Elternhaus es massive Probleme gegeben hat, und zum anderen für die Menschen, die beim Paritätischen ABK-Hilfswerk eine Chance bekommen, um irgendwann ein selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Veronika war vier, als sich ihre Eltern trennten. Der gewalttätige Vater hatte da schon Spuren auf der Seele des Kindes hinterlassen. Doch auch der Stiefvater war gewalttätig, das Mädchen lebte abwechselnd zeitweise bei einer Tante und beim Vater. Sie schaffte den Hauptschulabschluss, geriet während der Ausbildung aber in Kreise, in denen Drogen wie Speed und Extasy angesagt waren. Veronika wurde süchtig, entwickelte schwere Psychosen und wurde schließlich in ein Heim für psychisch Kranke in Krefeld eingewiesen. Was sie nach kurzer Zeit wieder verlassen musste, weil sie wegen ihrer Psychosen immer wieder randalierte. So landete sie letztlich im Obdachlosenasyl.

Eine Erfolgsgeschichte

Dort wurde ein Sozialarbeiter auf sie aufmerksam, der eine Anfrage beim Paritätischen ABK-Hilfswerk stellte, einem gemeinnützigen Verein und rechtlich selbstständigen Träger von freigemeinnütziger sozialer Arbeit in der Behindertenhilfe, der auch in der ehemaligen EBV-Villa an der Roermonder Straße ein Haus betreibt. „Wir fangen da an, wo viele andere aufhören!“, ist der Leitgedanke des Hilfswerks, das sein Augenmerk auf der Unterstützung junger Erwachsener mit seelischer und/oder geistiger Behinderung und hohem sozialen Integrationsbedarf hat.

Wer hier aufgenommen werden will, muss erst beweisen, dass er es ernst meint, und sich entsprechend bewerben, wie Fachbereichsleiterin Ulla Esser-Schönthaler und Natascha Collet, Assistentin der Geschäftsleitung, erläutern.

Sie erinnern sich noch gut an den Tag, als Veronika das erste Mal vor ihnen saß: „Sie zitterte am ganzen Körper, rauchte Kette und trank Unmengen an Kaffee.“ Als erster Schritt war daher eine Drogentherapie angesagt, die die junge Frau, erstmals ein erstrebenswertes Ziel vor Augen, auch anstandslos durchgezogen habe. „Beim zweiten Gespräch war sie schon wesentlich sortierter“, sagt Esser-Schönthaler. Der Aufnahme der damals 20-Jährigen stand nichts mehr im Wege. Anfangs sei sie aufgrund ihrer Psychosen immer noch stark auffällig gewesen, habe sich dann aber gut eingegliedert.

Ein Praktikum in einem Supermarkt war so erfolgreich, dass ihr eine Ausbildungsstelle angeboten wurde, die sie dann allerdings abbrach, weil ihr damaliger Freund wegzog. „Später hat sie diese Entscheidung durchaus bereut“, sagt Esser-Schönthaler. „Dennoch hat sie ihren Weg gemacht, lebt heute in Willich, hat diverse Jobs angenommen und war unglaublich stolz, als sie das erste Mal ohne staatliche Unterstützung leben konnte.

Heute ist sie stolze Mutter und bereitet sich auf ihre Hochzeit vor. Sie bewirtschaftet einen eigens angemieteten Schrebergarten, um selbst Gemüse anzubauen und vielleicht endlich auch ein wenig die Familienidylle leben zu können, die ihr als Kind verwehrt geblieben ist.

Eine Erfolgsgeschichte über die sich auch das ganze Team des ABK-Hilfswerks freut, das jetzt sein 40-jähriges Bestehen feiert. In Herzogenrath und in der Nordeifel hält das Werk ambulante und stationäre Wohnangebote vor. Die Aufenthaltsdauer dort ist zeitlich begrenzt, beträgt meist zwischen fünf und sieben Jahren. Für jeden Bewohner werden auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Ziele erarbeitet. „Unserer pädagogischen Arbeit liegt ein ganzheitliches Menschenbild zugrunde“, erläutert die Fachbereichsleiterin. „Neben Wohnen und Arbeiten, spielen Freizeit, Bildung und soziale Kontakte eine wichtige Rolle.“ So gibt es unter anderem eine gute Kooperation mit dem Fußballverein in Pannesheide, in dem sich die Fußballbegeisterten unter den Heimbewohnern gut aufgehoben fühlen.

Derzeit werden insgesamt 81 stationäre Wohnheimplätze von rund 90 Mitarbeitern betreut. 28 Bewohner leben im Haus Forensberg, um auf ein selbstständiges Leben vorbereitet zu werden. Die Vermittlung einer Tagesstruktur ist dabei steht Schritt 1: pünktlich aufstehen, Körperpflege und eine regelmäßige Beschäftigung von 8 bis 16 Uhr. In Kohlscheid stehen dafür die Küchengruppe unter Anleitung eines Kochs sowie die Gartengruppe zur Verfügung.

Schritt 2 ist geprägt von der Integration in einen Job, entweder in einer Behindertenwerkstatt oder etwa bei der im Jahr 2010 gegründeten ABK Service gGmbH, die integrative Arbeitsplätze im Bereich „Service rund ums Haus“ bietet. Im Januar 2018 wurde ergänzend die ABK-Neustart gGmbH gegründet, um die Aufgaben der Straffälligenhilfe Aachen gGmbH weiter zu führen, die zum Ende 2017 ihre Tätigkeit eingestellt hatte.

Die Gartengruppe hat in den vergangenen Tagen alles für die Geburtstagsfestivitäten vorbereitet, an der auch offizielle Vertreter der Städte Herzogenrath und Simmerath teilnehmen. Denen natürlich auch die Baustelle vorgestellt wird: ein Flachbau mit 365 Quadratmetern Nutzfläche. Platz für acht Einzelzimmer mit eigenen Bädern sowie Pflegebad und zwei Gruppenräumen wird es hier geben. Alles gefördert von der Aktion Mensch, der Stiftung Wohlfahrtspflege und dem Land NRW.

Eigens peppig bemalte Hinweisschilder sollen den Besuchern den Weg zu den einzelnen Stationen auf dem weitläufigen Gelände weisen. Die Gartengruppe hat überdies kräftig gearbeitet, um das Umfeld erstrahlen zu lassen. Unter anderem sind farblich wunderbar aufeinander abgestimmte Blühpflanzen in Containern arrangiert worden — als Augenweide auch für die Geburtstagsgäste am Sonntag.