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Würselen: 175.680 bewegte Bilder rühren das Publikum

Würselen : 175.680 bewegte Bilder rühren das Publikum

Die Luft ist lau, Sonnenstrahlen tauchen das alte Gemäuer in warmes Licht, eine Eule jagt unter dem Zeltdach über die Zuschauer hinweg. 850 Kinofans hat es zur Freilichtbühne Wilhelmstein gezogen, auf dem Programm steht „Drachenläufer” - die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Khaled Husseini.

„Heute ist es anders beim Open-Air-Kino”, sagt Programmchefin Vera Floegel, „nämlich so, wie es sein sollte: Das Wetter spielt mit.” Gegen sieben Uhr treffen die ersten Zuschauer ein, Picknickkörbe und Sitzkissen unterm Arm. Echte Fans lassen sich keine Vorstellung entgehen, trotzen auch Regen und Kälte, die zum Auftakt der Freilichtkino-Saison herrschten: „Dann kommen die Leute eben schon um Sechs, um einen Platz unter dem Dach zu ergattern”, erklärt Floegel. Heute wird kein Regentropfen die Stimmung dämpfen, keine Windböe die Leichtigkeit des Abends davontragen.

Dass das Sommerkino reibungslos abläuft, dafür sorgen die Stadtentwicklungsgesellschaft, das Cinema Peperoni aus Herzogenrath und das Team Brennweite, zuständig für das technische Equipment. Bereits im März beginnt Vera Floegel mit Auswahl und Bestellung der Filme. Zwölf bis fünf Wochen, bevor ein Film gezeigt wird, erhält sie die Bestätigung durch den Filmverleih, „je nachdem, wie viel Zeit sich die Verleihstellen lassen, wird es echt spannend, ob die angekündigten Filme auch gezeigt werden können.” Bisher hat es aber nie Probleme gegeben, als eingetragenes Kino hat das Cinema Peperoni volle Leihrechte.

Nächtliche Ankunft

Doch wie kommt so ein Film ins Kino? „Pünktlich zum Kinostart, immer donnerstags, erreichen uns die Filmrollen aus dem zentralen Filmlager Düsseldorf”, erläutert Floegel. „Ein Spediteur bringt die Filme mittwochsnachts zum Cinema Peperoni. Er hat den Schlüssel vom Jugendtreff, so dass er die alten Spulen mitnehmen, die neuen da lassen kann.”

Dann ordert die Programmchefin die SPIO-Rollenkarten - die roten Abrisskärtchen, die von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft vorgeschrieben sind, um nachhalten zu können, wie viele Eintrittskarten pro Film verkauft werden. „Eine Rolle hat 1000 Platzkarten, Restkarten müssen wir zurückgeben, sonst sind Gebühren für jeden fehlenden Platz fällig.”

Für „Drachenläufer” wird der 250 Kilogramm schwere Projektor aus den 50er Jahren sieben Filmrollen abspulen, die Ralph Olbrich und Viktor Keil mit viel Liebe zum Detail zusammensetzen. Auf 3900 Metern Film flimmern 24 Bilder pro Sekunde über die Leinwand im Cinemascope-Format - 3x7 Meter. Bei einer Spieldauer von 122 Minuten sind das 175.680 bewegte Bilder. „Drei bis vier Stunden vor der Vorstellung beginnt unsere Arbeit. Eine gute Portion Idealismus und Spaß an der Sache gehören dazu”, sagt Keil.

Der Film beginnt, die Story zeigt einen Komplex persönlicher und politischer Schuld, beleuchtet echte Freundschaft und die lange Suche nach Verantwortung und Wiedergutmachung. „Mitreißend und tiefgründig - perfekt für einen Kinoabend”, lautet die mehrheitliche Meinung der Kinogänger. Und dann zieht auch die Eule wieder ihre Runde, jetzt gehört die Burg wieder ihr alleine.