Baesweiler: 100 Kilometer bis zur Gottesmutter

Baesweiler : 100 Kilometer bis zur Gottesmutter

Knapp 100 Kilometer sind es von Setterich nach Kevelaer. Mit dem Auto ein Klacks, auf Schusters Rappen aber eine beachtliche Entfernung. Seit nunmehr 70 Jahren macht sich die Kevelaer Bruderschaft Baesweiler, Setterich, Immendorf jeden Spätsommer auf den Weg zur Mutter Gottes.

Gewiss hat jeder der Fußpilger — in diesem Jahr waren es etwa dreißig — das ein oder andere Anliegen im Gepäck, für das er in Kevelaer die Bitte der Gottesmutter erflehen will. Doch nicht nur das Ziel, sondern vor allem auch der Weg ist für jeden einzelnen der Wallfahrer wichtig: Nicht müßig fordern möchte man, sondern fleißig bitten. Deshalb wird dem Gebet auf der inzwischen viertägigen Wanderschaft natürlich viel Raum gegeben und täglich wird auch ein Gottesdienst von den Pilgern abgehalten, aber getreu Philipper 4,4 „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ kommt auch das weltliche Gespräch und die Heiterkeit nicht zu kurz. Gottfried Moss, gläubiger Realist, der seit 1952 mit zwei Ausnahmen immer per Pedes mit dabei war, fasst es so zusammen: „Man steht nicht wieder auf nur durch fromme Lieder, Litaneien und Rosenkränze!“ Und so hat niemand ein schlechtes Gewissen, wenn abends gesungen und gefeiert wird.

Das Ziel erreicht: Die Pilger der Bruderschaft Baesweiler, Setterich, Immendorf vor der Kirche In Kevelaer.

Entstanden ist die Kevelaer Bruderschaft Baesweiler, Setterich, Immendorf 1947 als Abspaltung der Orte Baesweiler, Beggendorf, Immendorf, Oidtweiler, Puffendorf und Setterich aus der Alsdorfer Bruderschaft. So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg musste nicht nur die Einwilligung des Bischofs eingeholt werden, sondern auch die „weltliche“ Militärregierung die Erlaubnis zur Durchführung geben.

Teil des Pilgerns: Das Kreuz und die Fahnen dürfen nicht fehlen.

Früher: sechs Tage Wallfahrt

Am 6. September zogen dann die ersten 129 Pilger, begleitet von Pfarrer Johannes Stegerhütte, über Rheindalen nach Kevelaer. Am 4. September 1949 wurden dann zwei Prozessionsfahnen geweiht, die seit damals, zusammen mit dem Prozessionskreuz, der Fußprozession vorangetragen werden. Oft übernahmen das die Erstpilger beim Einzug in Kevelaer. Sechs Tage dauerte die Wallfahrt früher. Sie begann am Montag um 6 Uhr mit einer heiligen Messe in Baesweiler. Nach einer Übernachtung in Gerderhan und Straelen erreichten die Pilger am Mittwoch Kevelaer. Donnerstags wurde auf dem Rückweg wieder Station in Straelen gemacht und nach einer weiteren Übernachtung in Gerderhan erreichte man samstags wieder heimische Gefilde. Geschlafen wurde bei privaten Gastgebern, die den Pilgern ein Bett zur Verfügung stellten. Für einen jungen Mitpilger hielt die Gottesmutter in den 50er Jahren sogar ein besonderes Präsent bereit. Er lernte bei seiner Gastgeberfamilie die hübsche Tochter des Hauses kennen, ehelichte die junge Dame und war seitdem nicht nur während der Kevelaer-Prozessionen in Gerderhan zu finden.

Inzwischen übernachten die Pilger nicht mehr privat, sondern in Gemeinschaftsunterkünften in Wegberg und Straelen. Auch fährt ein kleiner Bus den Wanderern hinterher um etwa Fußkranke aufzunehmen. Viel wichtiger noch ist aber, dass er denjenigen, die ein natürliches Bedürfnis verspüren und deshalb im Maisfeld oder ähnlichem verschwinden, wieder Anschluss verschafft und das geht so: Dem Bus winken, eine Jacke auf den Weg legen, im Maisfeld verschwinden, Entlastung finden, wieder rauskommen, in den Bus steigen und der Pilgerschar hinterherfahren. Dauerlauf ist schwierig bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit der Pilger von sechs Kilometern in der Stunde.

Das hatte auch Pfarrer Woltery aus Immendorf vor etlichen Jahren festgestellt. Er hatte den Anschluss verloren, war aber tüchtig ausgeschritten und hatte dann tatsächlich die Wallfahrergruppe wieder erreicht. Ob das jetzt Glück oder Pech war, ließ sich nicht genau sagen. Er hatte nur den Anschluss gefunden, weil die Gruppe Ess- und Trinkpause gemacht hatte, und die war jetzt vorbei und man war im Aufbruch. Kein Essen und kein Trinken also bis zum Endpunkt der Prozession in Immendorf, wo aus Mitleid mit ihrem dürstenden Pfarrer, ab dem nächsten Jahr Frauen die Pilger mit Getränken erwarteten.

Feier: siebzigste Fußprozession

Auch wenn den Fußpilgern ehemals mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde — früher wurden sie in den durchwanderten Orten stets vom mitgeführten Musikverein begrüßt und auch die Ankunft in Kevelaer wurde aufwendiger zelebriert — sechs junge Mädchen trugen die Mutter-Gottes-Statue durch den Ort, so hat sich am Sinn der Pilgerschaft und an der Freude am Pilgern wenig geändert.

Deshalb feiert die Kevelaer Bruderschaft Baesweiler, Setterich, Immendorf ihre siebzigste Fußprozession am Sonntag, 2. September, um 9.30 Uhr in der Pfarrkirche St. Andreas Setterich mit Domprobst Manfred von Holtum, der im Jahre 1972 selbst mitpilgerte. Anschließend findet eine Begegnung im Pfarrheim statt. Alle, die sich in irgendeiner Weise der Kevelaer Bruderschaft verbunden fühlen, sind ganz herzlich eingeladen. Ein ganz besonderer Dank gilt Johannes Gottwald, Organist der Pfarrgemeinde Setterich, der stets mitpilgert und in der Kerzenkapelle in Kevelaer das Nachtgebet der Gruppe musikalisch begleitet.