1. Lokales
  2. Jülich

Jülich: Zwischen Unmut und Unsicherheit

Jülich : Zwischen Unmut und Unsicherheit

Seit 1. Januar ist sie da - die Praxisgebühr. Egal ob beim Hausarzt oder in der Klinik, deutschlandweit müssen die Patienten vor der Behandlung erst in die Tasche greifen und zehn Euro auf den Behandlungstisch legen, bevor sie verarztet werden.

Für die Krankenkasse eine willkommene Zusatz-Einnahme, die laut Gesundheitsministerin Ulla Schmidt rund 3,2 Milliarden Euro in die leeren Geldtöpfe bringen soll. Um die Umsetzung müssen sich die Arztpraxen beziehungsweise Krankenhäuser selber kümmern. Und sind wenig begeistert.

„Die Ausstellung der Quittung und die Buchung kosten pro Patient rund drei Minuten. Und bei 100 Patienten sind dies 300 Minuten”, hat Dr. Claus Jebens aus Jülich schon einmal ausrechnen lassen.

„Und was passiert, wenn nicht direkt bezahlt wird, der dem Patienten mitgegebene Überweisungsträger nach dem Krankenhausbesuch nicht beglichen wird?”, fragt Ralf Amthor, Sprecher des Jülicher Malteser-Krankenhauses. Verunsicherung hier, Ärger dort, die Betroffenen lehnen die „Eintrittsgebühr” beim Arzt und die erhöhte Zuzahlung im Krankenhaus ab.

„Zuerst müsste ich bei Ihnen jetzt zehn Euro kassieren”, sagt die Arzthelferin einer Jülicher Praxis. Erst dann darf die Patientin Christa Meurer aus Jülich Platz nehmen, auf ihr Gespräch mit dem Arzt warten. „Ich finde es mehr als ungerecht, dass ich zuerst zahlen muss, dann behandelt werde. Wir zahlen doch wirklich schon genug Krankenversicherung”, so die Angestellte.

Ihre Wut wird noch größer, als sie nach ihrer Arzt-Konsultation in die nahe gelegene Apotheke eilt, dort anstatt 4,50 jetzt 5 Euro bezahlen muss. „Hier 50 Cent, dort ein Euro. Wie soll man da als Alleinstehende auf einen grünen Zweig kommen?”

Dass Vorab-Aufklärung wichtig war, dies unterstreicht Apothekerin Ilke Neuenhoff in Koslar. „Wir haben unsere Kunden frühzeitig auf die neuen Zuzahlungen aufmerksam gemacht. So kommt kein Murren auf, es lässt sich ja nichts ändern”, befürchtet die Inhaberin der Adelgundis-Apotheke dramatische Auswirkungen bei jene Patienten, die wegen ihrer Erkrankung auf speziellen Monatsbedarf, wie zum Beispiel Windeln, angewiesen sind. „Was ist ein Monatsbedarf?”, fragt sie sich nicht nur, sondern auch die Krankenkassen.

Dass es bei den erhöhten Zuzahlungen bisher noch keinerlei Ärgernis gab, hat auch Carl Bacciocco von der Schwanen-Apotheke in Jülich erfahren. Auch er setzte mit seinen Mitarbeiterinnen auf vorzeitige Aufklärung.

Und hat auch gleich noch einen weiteren Tipp zur Hand. „Diejenigen, die es sich leisten können, sollten doch vorab bei ihrer Krankenkasse den zweiprozentigen Zusatz von ihrem Bruttogehalt zahlen, erhalten damit ihre Freistellung für das ganze Jahr. Dies ist der beste Weg.”

„Nein, großen Ärger hat es bisher nicht gegeben. Es wird bezahlt, schließlich wollen die Patienten behandelt werden. Sie wissen, dass es ja sein muss”, bringt es Dr. Claus Jebens aus seiner Sicht auf den Punkt.

Und wie sieht es im Malteser Krankenhaus aus? „Hier haben sich die Patienten Luft gemacht, einige haben nicht gezahlt, haben die Unterschrift auf dem Formular verweigert.” Inge Cremer, Angestellte in der Chirurgischen Ambulanz, diente in den letzten Tagen als „Prellbock”.

Denn dort wird das Formular für die Zuzahlung beim stationären Krankenhausaufenthalt - der betrug bisher 9 Euro pro Tag für maximal 14 Tage und stieg nun auf 10 Euro pro Tag für maximal 28 Tage - ebenso ausgefüllt wie für die Praxisgebühr. Gezahlt werden muss dann nebenan bei der Verwaltungs-Angestellten Dagmar Pfannendörfer, die auch EC-Karten akzeptiert.

Gerichtsvollzieher

Zahlungsunwilligen wird vom Krankenhaus eine Frist von zehn Tagen eingeräumt. Ist dann die Rechnung nicht beglichen, ergeht eine Meldung an die Kassenärztliche Vereinigung. „Und die treibt das Geld dann ein, tritt sie doch gegenüber dem Krankenhaus in Vorleistung”, macht Dagmar Pfannendörfer deutlich, dass aus den zehn Euro leicht 100 und mehr werden können. „Denn notfalls erscheint auch der Gerichtsvollzieher beim säumigen Patienten.”

Die Patienten sind verunsichert, die Experten streiten sich. Doch nicht alle Arztbesucher müssen die zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal entrichten, wie folgende Übersicht zeigt:

- Privatpatienten

- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren

- Patienten mit einer Überweisung durch den Hausarzt im selben Quartal

- Bei reinen Vorsorgeuntersuchungen (z.B. Gesundheits-Check ab 35 Jahre, Krebs, Impfungen, Schwangerschaft)

- Bei Wegeunfällen zur Arbeit oder Schule

- Bei so genannten Versorgungsleiden (z.B. Kriegsverletzungen)

Wurde die „Eintrittsgebühr” einmal entrichtet, gilt sie für die aufgesuchte Arztpraxis bis zum Quartalsende. Nur nicht beim Besuch eines Zahnarztes, wo extra pro Quartal gezahlt werden muss.