„Zukunftsmodell Zirkuläre Bioökonomie – Perspektiven im Revier"

Zivilgesellschaftlicher Koordinierungskreis Strukturwandel : Vom Braunkohlerevier zum Bio-Ökonomie-Revier

Der 2018 ins Leben gerufene Zivilgesellschaftliche Koordinierungskreis Strukturwandel (ZKS) organisierte gemeinsam mit dem Forschungszentrum eine interdisziplinäres Zusammentreffen zu dem umfassenden Thema „Zukunftsmodell Zirkuläre Bioökonomie – kommunale und regionale Perspektiven im Revier“.

Insgesamt 116 geladene Gäste aus verschiedenen gesellschaftlichen Interessensgemeinschaften fanden sich im Hörsaal der Zentralbibliothek ein, wo mehrere Vorträge von Experten zu Teilaspekten dieser komplexen Thematik gehalten wurden. Im Anschluss an die Vortragsreihe konnten die Zuhörer unter der Leitung der Referenten in Workshops die jeweilige Thematik vertiefen.

Den Auftakt zu dieser Vortrags- und Dialogveranstaltung gaben der Direktor des Instituts für Bio- und Geowissenschaften Professor Dr. Ulrich Schurr und Antje Grothus, Mitglied der Kommission für „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, mit einem Begrüßungswort an die aus allen Teilen des Braunkohlereviers angereisten Gäste. Grothus, die maßgeblich an der Gründung des ZKS mitwirkte, beschrieb in ihrem Kurzvortrag das „Model der planetaren Grenzen“ von Johann Rockström. Hiernach habe der Mensch bereits mehrere Grenzen der planetarischen Belastbarkeit überschritten. „Wenn wir eine Modellregion in Deutschland sein wollen, können wir das nur durch Nachhaltigkeit erreichen“, lautete Grothus Ansage an ihre Zuhörer.

Daran anschließend schilderte Schurr in seinem umfangreichen Vortrag „Zirkuläre Bioökonomie im Rheinischen Revier“ die Komplexität der nachhaltigen und effizienten Nutzung biologischer Ressourcen wie Pflanzen und Mikroorganismen. Er beschrieb aus wissenschaftlicher Sicht die Notwendigkeiten und mögliche zukünftige Vorteile neuer biobasierter Wertschöpfungskonzepte und erklärte, ergänzend zur vorangegangenen Rede des Vorstandsmitglieds Professor Dr. Harald Bolt, die gewichtige Rolle des Forschungszentrums bei der Beantwortung der durch den bevorstehenden Strukturwandel aufgeworfenen Fragen. „Die Bioökonomie ist eines der drei strategischen Themen des Forschungszentrums“, sagte Schurr.

Hinter dem etwas sperrigen Namen „Zivilgesellschaftlicher Koordinierungskreis Strukturwandel“ verbirgt sich eine noch neue bürgerliche Initiative, deren Anliegen gerade im Jülicher Raum sowie im gesamten Rheinland von höchster Aktualität ist. Nachdem die Bundesregierung im Sommer vergangenen Jahres jene Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ einberufen hatte, schlossen sich als Reaktion darauf mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen im Rheinischen Revier zusammen. Die sogenannte „Kohlekommission“ wurde gegründet, um die Möglichkeiten und Risiken des Ausstiegs aus der Kohlestromversorgung zu untersuchen und den notwendigen und mittelbar bevorstehenden Strukturwandel in den deutschen Braunkohlerevieren zu konzipieren.

Der ZKS sieht sich hierbei als ein Konkretisierungsorgan der in Berlin erdachten Grundsätze und als Ideensammler bezüglich der spezifischen Gegebenheiten im Rheinischen Abbaugebiet. „Die Initiative für die heutige Tagung ging vom Koordinierungskreis aus, mit großer Unterstützung des Jülicher Forschungszentrums. Der ZKS ist ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen, Aktionsbündnisse, Organisationen und engagierter Privatpersonen“, erläuterte die Moderatorin Christa Gesmann den Hintergrund der Veranstaltung.

Während seines Vortrages „Zirkuläre Bioökonomie im Rheinischen Revier“ ging Prof. Dr. Ulrich Schurr gerne ins Detail. Foto: Jakub Drogowski

Zu den zahlreichen im ZKS aktiven Gruppierungen zählen unter anderem der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Greenpeace Düsseldorf, das Aktionsbündnis Buirer für Buir und das Bündnis gegen Braunkohle. Auch der Kreisverband der Grünen und verschiedene kirchliche Organisationen sind im ZKS engagiert. „Die Leute haben schon sehr viel Freizeit geopfert und gemeinsam viele positive Inhalte hervorgebracht“, lobte Grothus die bisherige Arbeit des ZKS.

Als Koordinator der verschiedenen Vorstellungen und Anliegen unterschiedlichster Interessengruppen der Region achtet der ZKS, gefördert von der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen, streng darauf, absolut basisdemokratisch und transparent vorzugehen. „Wir möchten eine breite Bürgerbeteiligung mittels des Verfahrens sogenannter Planungszellen etablieren“, erklärte die ZKS-Mitbegründerin und Referentin Jutta Schnütgen-Weber. Eine Planungszelle ist ein Format, bei dem Bürger insbesondere auf kommunaler und regionaler Ebene bei Planungs- und Entscheidungsprozessen der Politik teilnehmen können. Dazu erörtern zufällig ausgewählte Bürger in überschaubaren Gruppen zusammen mit Experten die Problematiken eines gemeindespezifischen Sachverhalts und generieren gemeinsam Lösungsvorschläge. Diese werden dann bestenfalls in den Entscheidungsprozess der Politik einbezogen.

Dadurch wird in den Planungsämtern Transparenz gewährleistet und das Gefühl der Bürger, in die Abläufe mit einbezogen zu werden, wächst. „Dies ist eine Form, die keiner Gesetzesänderung bedarf, sondern nur die Bereitschaft der Politik erfordert, mit den Bürgern gemeinsam etwas zu gestalten. Kein ‚Top-Down’, sondern ein Dialog“, erläuterte die ehemalige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kerpener Stadtrat das Verfahren.

Der Koordinierungskreis hat es sich zum Ziel gemacht, auf diesem Wege eigene Vorstellungen zu entwickeln, wie der kommende Strukturwandel im Sinne der Bürger abgewickelt werden soll. „Wir schauen uns an, wie die Situation der Menschen im Revier ist“, sagte Schnütgen-Weber und benannte einige der zentralen vom ZKS aufgeworfenen Fragen: „Wie wird sich der Wandel auf den Arbeitsplatz auswirken, wie können Prinzipien der Nachhaltigkeit mit ökonomischen Interessen abgestimmt werden? Wie ist die Bildungssituation diesbezüglich und welche Form der Mobilität steht zur Verfügung in 20 oder 30 Jahren?“

Eine wichtige Stellschraube zur lang- oder mittelfristigen Neustrukturierung der Lebensverhältnisse im Rheinischen Revier sieht der ZKS in der effizienteren Vernetzung von Arbeitsplatz und Zuhause. „Diese große Trennung von Arbeit und Wohnen müssen wir versuchen abzubauen. Die Menschen verbringen zum Teil den halben Tag im Auto, das ist grotesk.“ Auch bezüglich des Bildungsauftrages hat die ehemalige Grünenpolitikerin eine klare Meinung: „Wenn ich Nachhaltigkeit möchte, dann muss ich auch vermitteln, was daran so wichtig ist“.

Konkrete Lösungsvorschläge bezüglich der Causa Strukturwandel waren an diesem Nachmittag aufgrund ihrer hohen Komplexität nicht zu erwarten. Es wurden allerdings die wichtigen Fragen gestellt und Kernprobleme hervorgehoben. Die engagierte Umweltschützerin Grothus freute sich am Schluss der Veranstaltung über die bisherige Ausgangslage. „Es ist mittlerweile ein großer Fundus an Schwarmintelligenz zustandegekommen“, sagte sie.

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