Jülich: Zivis werden sehr vermisst

Jülich: Zivis werden sehr vermisst

55 Jahre lang haben sie auf Internatsschüler aufgepasst, kranke Menschen zum Arzt gefahren oder versucht, kaputte Rollstühle im Altenheim zu reparieren. Seit dem 1. Juli gibt es keine allgemeine Wehrpflicht mehr. Damit fällt auch der Zivildienst weg, den junge Männer leisten müssen, wenn sie den Kriegsdienst verweigern.

Im vergangenen Jahr gab es den Zivildienst noch auf freiwilliger Basis. Jetzt sind die Zivis weg. Und sie fehlen den Rettungsdiensten, Altenheimen und Krankenhäusern im Nordkreis.

„Die Zivis waren eigentlich nur für zusätzliche Dienste vorgesehen”, beschreibt Rudolf Stellmach, der Leiter des Jülicher Altenzentrums St. Hildegard, die Rolle, die die jungen Männer im Haus gespielt haben. Acht Zivis haben für St. Hildegard gearbeitet.

„Aber viele dieser Zusatzleistungen sind längst etabliert. Jetzt versuchen wir zu verhindern, dass sie wegfallen.” Ein schwieriges Unterfangen.

Denn das Interesse der jungen Menschen an einem freiwilligen Dienst bringt nicht so viele Mitarbeiter wie der Zivildienst. Das merkt auch Uwe Palmen, der Geschäftsführer des Rot-Kreuz-Kreisverbandes Jülich.

„Wir hatten bis zu 13 oder 14 Zivi-Stellen gleichzeitig. Im Moment haben wir vier junge Menschen, die einen freiwilligen Dienst machen.” Das bedeutet, dass das Rote Kreuz Leistungen wie Fahrdienste einschränken muss.

„Wir können nur noch ein bis zwei Autos besetzten und nicht mehr drei bis vier”, so Palmen. Da kommt es im Alltag zu Problemen, wenn Kunden feste Arzttermine haben. „Wir versuchen, das irgendwie zu gewährleisten.

Aber vor allem den privaten Verkehr können wir nicht mehr wie früher aufrecht erhalten.” Der Service, dass Menschen, die in ihrer Mobilität stark eingeschränkt sind, trotzdem ins Theater oder zur Jahreshauptversammlung ihres Vereins kommen, ist stark eingeschränkt.

Der Ersatz für die Zivis sind junge Menschen, die entweder ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) oder den so genannten Bundesfreiwilligendienst (BFD) leisten.

So wie Thomas Mertens (19, aus Jülich) und Benedikt Hübsch (21, aus Langerwehe). Mertens ist FSJler, Hübsch BFDler. Beide haben Interesse an den Berufsfeldern, die das Rote Kreuz zu bieten hat.

„Ich nutze das Jahr, das ich hier bin, um in diesen Beruf reinzuschnuppern”, erklärt der junge Jülicher Mertens.

Wie Hübsch gehört er dem mobilen Fahrdienst an. „Ich könnte mir gut vorstellen, in Richtung Rettungssanitäter zu gehen”, schildert Hübsch, der bereits eine Ausbildung zum Lagerlogistiker absolviert hat und der Freiwilligen Feuerwehr angehört.

Finanziell sind weder das FSJ noch der BFD lukrativ. Darauf kommt es den beide jungen Männern nicht an. Erfahrung ist das Stichwort.

Hausmeister fehlen

„Die jungen Menschen, die einen freiwilligen Dienst machen, wollen sich orientieren”, sagt Rudolf Stellmach vom St. Hildegard Altenzentrum. Wer mit einem Job in der Altenpflege liebäugelt, der will auch seinen freiwilligen Dienst in diesem Bereich verrichten.

Im Gegensatz zum Zivildienst haben die Freiwilligen die Wahl, was sie machen. „Freiwillige für den Bereich Hausmeister finden wir deswegen nicht”, so Stellmach.

Das St. Josef-Krankenhaus Linnich hat schon vor dem Auslaufen des Zivildienstes begonnen, diese Stellen zu ersetzen. Als der Ersatzdienst im vergangenen Jahr endete, gab es in Linnich nur noch zwei Zivis.

„Wir haben die Zivi-Stellen schon vorher mit so genannten Job-Perspektivlern ersetzt”, erklärte Geschäftsführer Jann Habbinga. Das sind Arbeitskräfte, die auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer zu vermitteln sind.

Zudem greift das Krankenhaus, ebenso wie das St. Hildegard Altenzentrum, auf die so genannten Bürgerarbeiter zurück. In beiden Fällen handelt es sich um alleinerziehende Frauen, die wieder im Berufsleben fassen wollen.