Müntz: Wider das Vergessen: Gedenkfeier der Gemeinde Titz in Müntz

Müntz: Wider das Vergessen: Gedenkfeier der Gemeinde Titz in Müntz

„Auch in Müntz wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge geschändet.“ An diese Schandtat der Nazis erinnerte der Titzer Bürgermeister Jürgen Frantzen an die schrecklichen Ereignisse vor 75 Jahren. Damit begann die systematische Judenverfolgung und -vernichtung im „Dritten Reich“.

Frantzen erinnerte an die Worte der Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Gleichgültigkeit ist der erste Schritt, unverzichtbare Werte aufs Spiel zu setzen. Deshalb ist es auch wichtig sich zu erinnern und sich mit den Ereignissen von damals auseinander zu setzen. Nur wer weiß, wozu Menschen fähig sind, wer weiß, was geschehen kann, der ist auch in der Lage, den großen Wert von Frieden, Freiheit und Demokratie zu würdigen“, erklärte der Bürgermeister.

Er freute sich besonders darüber, dass so viele junge Menschen an der Gedenkfeier teilnahmen. „Ihr tragt das Wissen weiter. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass Zivilcourage und Toleranz für unsere Kinder keine Fremdwörter werden, dass wir nicht gleichgültig werden.“

Begonnen hatte die Feierstunde auf dem jüdischen Friedhof in Müntz. Viele Menschen mit Kerzen in der Hand lauschten den Worten von Dieter Peters, dem Friedhofsbeauftragtem des Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein K.d.ö.R., Düsseldorf.

„Der gute Ort“, oder „Haus der Ewigkeit“ wird im Jüdischen ein Friedhof genannt. In Müntz, so Peters, wurde der Friedhof 300 Jahre lang benutzt. Es gibt keine Belege und Aufzeichnungen mehr, aber aus einem Schreiben von 1813 geht hervor, dass er bis zu diesem Zeitpunkt schon 80 Jahre genutzt wurde. 1938 soll dort die letzte Beerdigung stattgefunden haben. Man rechnet, dass dort mehr als 65 Menschen die letzte Ruhe fanden.

In der NS-Zeit wurde der Friedhof vollständig zerstört, die Grabsteine wurden zum Teil im Straßenbau und als Treppenstufen verwandt. Die verbliebenen Grabsteine wurden nach dem Krieg in zwei Reihen gegenübergestellt und Fragmente in einer Ecke gelagert. In der Folgezeit waren sie immer wieder Ziel von Zerstörungen.

1986 säuberten Schüler den Friedhof und erstellten eine Dokumentation. 2002 wurden die Grabsteine umgelagert. Die Gemeinde Titz, Denkmalschutz und Landeverband, der mittlerweile Eigentümer ist, beschlossen, sie sicherzustellen. 2008 zerstörte dann ein Unwetter die Friedhofsmauer. Vorbildlich wurde sie von der Gemeinde wieder hergerichtet, 2013 wurden die elf noch vorhandenen Grabsteine und Fragmente durch einen erfahrenen Steinmetz wieder aufgestellt.

„Der Friedhof ist kein Tabu. Jeder kann ihn besuchen. Männer sollten Kopfbedeckung tragen. Und besuchen Sie den Friedhof nicht an Samstagen“, erklärte Peters und schloss mit dem Satz, der auf hebräischen Grabsteinen zu finden ist: „Ihre Seelen seien eingebunden in das Bündel des Lebens“.

Rabbiner Max Bohrer von der jüdischen Gemeinde in Aachen erinnerte an den Holocaust und die Bedeutung an die Erinnerung der Opfer.

Schweigend gingen die Menschen anschließend zum ehemaligen Standort der Synagoge. Deren Umrisse hatten Jugendliche aus dem Jugendparlament auf einem Transparent nachgezeichnet. Sie verlasen dort Auszüge aus der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte. „Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, das Gedenken an die Jugend weiterzugeben“, erklärte Rolf Sylvester, Gemeinde-Jugendarbeiter in Titz. In der Bürgerhalle ließen alle die Gedenkfeier in Ruhe ausklingen.

(Kr.)
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