Jülicher Land: Wenn das Handy die Freunde ersetzt

Jülicher Land: Wenn das Handy die Freunde ersetzt

Hochkonzentriert sitzen die Schüler über ihren Heften. Hier und da mal ein Seufzer. aber sonst nichts. Stille. schließlich wird gerade eine Klassenarbeit geschrieben. Die Lehrerin schaut über den Rand ihrer Lesebrille hinweg und beobachtet die Klasse. Ob keiner schummelt, ob alle in ihr Heft schauen.

Plötzlich zucken 26 Schüler und Schülerinnen zusammen. Der Klassenraum ist erfüllt von einem ohrenbetäubenden „Ring Ring“.

Und es hört so lange nicht auf, bis Mara bemerkt, dass der Lärm aus ihrer Tasche kommt und bis die 13-Jährige schließlich ihr Handy gefunden hat, welches dazu beigetragen hat, dass die Konzentration, die eigentlich für solch eine wichtige Arbeit grundlegend ist, gestört wurde. „Mist“, murmelt das Mädchen.

Schon steht die Lehrerin vor ihr und streckt ihr die leere Hand entgegen — eine Aufforderung das Gerät abzugeben. Mit knirschenden Zähnen reicht Mara ihr das geliebte Mobiltelefon.

„So läuft es oft“, weiß auch Martina Krause. Seit etlichen Jahren ist sie als Schulsekretärin an der Aldenhovener Hauptschule. Dort herrscht, wie an den meisten Schulen striktes Handyverbot. Wie auch an der Realschule Linnich. Während in Aldenhoven beinahe täglich Mobiltelefone einkassiert werden, sobald ein Schüler gegen das Verbot verstößt, passiert das in Linnich nur sehr selten.

Schulleiter Olaf Staecker: „Eine Zurechtweisung reicht meistens aus. Die Schüler wissen, dass in der Zeit von 8 bis 13 Uhr niemand das Handy eingeschaltet haben darf, und daran halten sie sich eigentlich auch.“

Radikal geht man dagegen in den USA vor. Dort wird jetzt ein regelrechter Feldzug gestartet. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ist der Meinung, dass Schulen zum Lernen da sind und Handys ablenken.

Für die New Yorker Lösung hat sich hier im Umfeld niemand ausgesprochen. Dort werden nämlich die Schüler mittels Detektoren auf Handys untersucht, und sollten sie doch eins dabei haben, werden die Geräte rigoros einkassiert.

„Ein bisschen zu krass meiner Meinung nach. Vor allem müssten wir ja dann etliche neue Mitarbeiter einstellen, die nur dafür zuständig sind, die Handys nachher wieder an die richtigen Besitzer auszuhändigen“, sagt der stellvertretende Schulleiter des Jülicher Mädchengymnasiums, Norbert Billstein, und lacht dabei.

Abgesehen davon ist die Nutzung von Detektoren für solche Zwecke in Deutschland nicht erlaubt. Jüngst hatte nämlich eine Schule in Schleswig Holstein die Idee, auf diesem Weg zu erkennen, wer mit den Geräten bei Klassenarbeiten schummelt. Das zuständige Ministerium sieht aber für den Einsatz der Überwachungsgeräte keine Rechtsgrundlage. „Zum Glück bekomme ich es nach dem Unterricht wieder“, dankt Mara. Und weiter: „Ich schreibe am Tag bis zu 100 SMS.“

Ohne ihr Handy geht sie nie aus dem Haus. Sie schläft abends neben dem Gerät ein und wacht morgens daneben auf. Es ersetzt alles: Wecker, Terminkalender, Kamera, Computer...

Und es ersetzt eines leider noch: Freunde und das Gespräch mit guten Freunden, von Angesicht zu Angesicht. Nicht nur dass das Chatten per Handy häufig zu Missverständnissen führt — das geschrieben Wort ermöglicht keine Betonung —, nein, es wird ja auch nicht wahrgenommen, wie sich der Gegenüber gerade in dem Moment fühlt. Ob der SMS-Partner gut drauf ist oder ob er weint, ob er gerade im Stress ist oder sich langweilt. Ob er nicht in Wirklichkeit viel lieber in den Arm genommen werden möchte, statt nur liebe Worte zu lesen.

Die Sekretärin der Aldenhovener Hauptschule ist der Meinung, dass „das soziale Verhalten dadurch nicht gerade gefördert wird“ und die Kinder und Jugendlichen sich nicht mehr anders zu verständigen wissen. Ganz zu schweigen von Kritik und der Bewältigung von Auseinandersetzungen. Zudem leiden Wortschatz und Ausdrucksweise.

„Dass die sich nicht gegenseitig SMS schreiben, wenn sie nebeneinander im Bus sitzen, ist alles“, bedauert Martina Krause. Vielleicht sollte mit Handys dann doch besser wenigstens telefoniert werden. So hört der Gesprächspartner die vertraute Stimme — zur Freude der Lehrer aber besser außerhalb der Schulen. Denn dort könnte man sich ja auch in den Pausen einfach mal unterhalten. Theoretisch.