Vorsitzender der Werbegemeinschaft im Gespräch: „Was man in Jülich bekommen kann, sollte man auch in Jülich kaufen“

Vorsitzender der Werbegemeinschaft im Gespräch : „Was man in Jülich bekommen kann, sollte man auch in Jülich kaufen“

Wie lässt sich eine Stadt weiterentwickeln? Wie kann die Innenstadt belebt werden? Welche Rolle spielt dabei der Einzelhandel? Eine Gespräch mit Benjamin Loevenich von der Werbegemeinschaft Jülich.

Es gibt Phänomene, die kann man nicht immer erklären. Wer etwa bei der Frage, wie man denn Jülichs Innenstadt beleben könne, auf die Veranstaltungsplätze schaut, kommt um Konsequenzen nicht herum. Der Marktplatz zum Beispiel.

„Der Marktplatz ist nur schwer zu bespielen. Wir können nur 50 Prozent der Veranstaltungsfläche nutzen“, sagt etwa Benjamin Loevenich, Vorsitzender der Jülicher Werbegemeinschaft. „Der Marktplatz muss attraktiver gestaltet werden“, sagt er weiter. Der Konsequenzen ist sich Loevenich durchaus bewusst. Die Bäume müssten weg. Er weiß, dass das für einen Aufschrei sorgen würde. Also fragt er: „Kann man an dieser Stelle eine mobile Lösung finden?“ Also parallel zu den beweglichen Blumenkästen am Kirchplatz die vorhandenen Bäume ebenfalls in Kästen setzen um so bei Bedarf Platz für Veranstaltungen zu schaffen.

Der Schlossplatz. Loevenich plädiert dafür, den Mittelstreifen, auf dem ein Großteil der Veranstaltungen –  vom Weinfest bis zum Weihnachtsmarkt – abgehalten wird, zu pflastern, vielleicht noch ein versenkbares Wasserspiel einzubinden. Ein Vorschlag, den auch Bürgermeister Axel Fuchs schon einmal ins Gespräch gebracht hatte – bei der Informationsveranstaltung zum Neubau eines gemeinsamen Infocenters von Stadt und Stadtwerke, und dafür böse Blicke geerntet hat.

„Der Jülicher ist historisch geprägt und will so viel Altes wie möglich erhalten und tut sich manchmal schwer damit, Neues herbeizuführen“, versucht sich Loevenich an einer Erklärung für dieses Phänomen. Er selbst ist „Muttkrat“ und könnte deswegen mit der Erklärung richtig liegen. „Natürlich sind gerade die Bäume auf dem Marktplatz ein gefährliches Thema, aber nur mit Veränderungen können wir dem Trend entgegen steuern, dass die Innenstadt immer leerer wird“, sagt Loevenich.

Der Glücksgriff

Dabei legt der Vorsitzende der Jülicher Werbegemeinschaft sein Hauptaugenmerk gar nicht mal so sehr auf den angelaufenen Prozess des Integrierten Handlungskonzeptes (InHK), in dessen Rahmen auch die Frage der Platzgestaltung geklärt werden soll. Eine Belebung der Innenstadt funktioniere auch unabhängig von solchen Konzepten. Dafür hat Loevenich zwei gute Beispiele parat. Der Neubau des Kreishauses im Herzen der Stadt wirke sich schon jetzt auf das Umfeld aus, das spürt der Gastronom auch in seinem eigenen Betrieb, dem Café Restaurant „Liebevoll“. Umgekehrt spürt er aber auch die Konkurrenz. Das ist sein zweites Beispiel: „Das ‚Extrablatt’ auf dem Marktplatz ist für Jülich ein Glücksgriff. Da wurde viel Geld in die Hand genommen, um aus zwei Ladenlokalen eines zu machen.“ Punktuelle Entscheidungen wie diese, oder die anstehende Bebauung des Walramplatzes seien es, die Jülich weiterentwickeln würden. „Das ist ein Prozess, der auch unabhängig vom integrierten Handlungskonzept zu betrachten ist“, sagt Loevenich.

Kunden anlocken

Aber nicht nur, wie etwa Julia Huneke betont, bei der Stadtverwaltung für das Thema Stadtmarketing verantwortlich. Für sie ist das InHK ein wichtiges Instrument, Entwicklungen zu steuern. „Mit dem zunehmenden Internethandel wird die Reduzierung der Geschäfte weitergehen. Für Inhaber geführte Geschäfte wird es immer schwerer werden, da noch mitzuhalten. Mit dem InHK wollen wir gegensteuern“, sagt sie. Also beispielsweise die Stadt attraktiver gestalten, um Kunden anzulocken, die Infrastruktur zu verbessern, neue Ideen entwickeln, um Leerstände zu beseitigen.

Das, sagt Benjamin Loevenich, funktioniere in Teilen auch schon jetzt ganz gut. „Jülich hat kein Leerstandsproblem, auch wenn wir Leerstände haben“, ist er überzeugt, und benennt als Beispiel die Düsseldorfer Straße. „Da sah es noch vor drei Jahren schlimm aus. Jetzt gibt es da noch zwei Leerstände.“ Allerdings habe sich die Nutzung in Teilen verändert. Da findet man dann in der 1B-Lage plötzlich die Krankenkasse mit einem Ladenlokal oder eine Physiotherapie-Praxis.

Sowohl Huneke als auch Loevenich haben gerade beim Thema Leerstände aber auch verblüffende Erfahrungen gemacht. Julia Huneke ist für das Leerstandsmanagement zuständig. „Wer ein Ladenlokal sucht, informiert sich vorrangig über die entsprechenden Webseiten. Aber auch bei uns schlagen immer wieder Interessenten auf, die wir dann versuchen, gezielt zu vermitteln“, sagt sie. Dabei hat sie die Erfahrung gemacht, dass es in Jülich Eigentümer gibt, die gar kein Interesse an einer Vermietung haben. „Da fehlt oft der Wille“, sagt sie, erst recht, wenn man leerstehende Lokale steuerlich absetzen kann. Auch Loevenich kann derartige Fälle der Reihe nach aufzählen und namentlich benennen: „Das ist ein Problem, das wir auch nicht lösen können. Man kann die Inhaber ja nicht einfach zwangsenteignen.“

Ist der Schlossplatz in seiner jetzigen Form attraktiv? Wird er durch einen gepflasterten Mittelstreifen attraktiver? Kann man umgekehrt auf diese Veranstaltungsfläche verzichten? Diese und weitere Fragen müssen im Rahmen des Integrierten Handlungskonzeptes beantwortet werden. Foto: Burkhard Giesen

Zu den Phänomenen, die man nicht immer erklären kann, gehört vielleicht noch ein anderes. So, wie der Leerstand in Jülich aus Sicht von Loevenich noch weniger dramatisch ist als in umliegenden Mittelzentren und man ihn eher gefühlt hoch einschätzt, geht es bei der Frage, wie attraktiv eine Stadt sein muss oder kann, letztlich auch immer um das eigene Verhalten. „Natürlich müssen wir die Menschen motivieren, zu uns zu kommen“, sagt Loevenich. Ein Beispiel das belegt, wie gut das funktionieren kann, sei der Feierabendmarkt.

„Es gibt ein verändertes Ausgehverhalten. Man will nicht mehr einfach nur auf ein Fest gehen, sondern auch etwas Unterhaltung haben. Beim Feierabendmarkt funktioniert das deshalb so gut, weil man direkt nach der Arbeit sich mit Freunden treffen und etwas essen kann und dazu noch Unterhaltung in Form von Musik bekommt“, erklärt Loevenich. Ein anderes Beispiel sind die steigenden Zahlen, wie beliebt Jülich bei Touristen ist. Um zu motivieren, muss man nach Ansicht von Loevenich allerdings auch etwas tun. Nicht nur in Form eines Feierabendmarktes, sondern auch in ganz anderen Bereichen.

„Unsere Welt wird digitaler und mobiler. Wer heute mit Social Media nicht umgehen kann, wird irgendwann abgehängt und darf sich nicht wundern, wenn er der Online-Konkurrenz nichts entgegen setzen kann“, sagt Loevenich wohl wissend, dass das auch den motivierten, gut informierten Kunden voraussetzt, der nicht in die Onlinewelt abwandert. Loevenich: „Was man in Jülich bekommen kann, sollte man auch in Jülich kaufen“, sagt er. Auch das macht eine Stadt attraktiv, wenn die Bürger sie selbst attraktiv finden und vorhandene Angebote nutzen.

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