Rödingen: Vortrag über Kindertransporte während der NS-Zeit

Rödingen: Vortrag über Kindertransporte während der NS-Zeit

„Ich habe mir gesagt, ich muss raus, ich muss raus”. Dieses Zitat des jüdischen Jungen Siggy Reichenstein war Titel der Projektpräsentation „Kindertransporte aus NRW 1938/39” im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen.

Die Historikerinnen Dr. Cordula Lissner und Dr. Ursula Reuter hatten mit Hilfe von Zeitzeugen recherchiert und stellten das Projekt vor. Reichenstein, der heute in London lebt, tat diesen Ausspruch nach dem Novemberpogrom, als er seinen Vater zusammenbrechen sah. Seine Mutter, die vorher immer gesagt hatte: „Nein, nein, wir bleiben zusammen”, hörte er zum Vater sagen: „Ich glaube, wir müssen den Jungen gehen lassen, der wird verrückt hier”.

So gaben seine Eltern Siggy die Einwilligung, alleine mit der Klasse nach England zu gehen. Sie ahnten bereits, dass sie ihren Sohn nie wiedersehen würden. Dieser landete zunächst mit weiteren 25 Jungen in einem Liverpooler Hostel und lernte später das Schreinerhandwerk, unterhalten vom Jewish Refugee Commitee in Liverpool. Dies ist ein Auszug aus einer der 13 spannenden Lebensgeschichten im Rahmen der „nur unzureichend erforschten Kindertransporte”. Durch sie konnten über 10.000 meist jüdische Kinder und Jugendliche (davon 463 aus dem Rheinland) zwischen Dezember 1938 und Kriegsausbruch im September 1939 nach Großbritannien gerettet werden. Insgesamt konnten 19.149 Kinder und Jugendliche ohne Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland in ein europäisches Land, in die USA, nach Kanada, Australien oder Palästina emigrieren.

Jüdisches Gymnasium

Etwa zwei Drittel dieser Fluchten ermöglichte das persönliche Engagement jüdischer Hilfsorganisationen. Im Mittelpunkt des Referats der beiden Judaistinnen standen die „Jawne-Kindertransporte”. Die Jawne war ein 1919 gegründetes jüdisches Reform-Realgymnasium in Köln, das einzige jüdische Gymnasium in Rheinland. Mit 423 Jungen und Mädchen erreichte die Institution 1937 ihre größte Schülerzahl. Ziel ab 1933 war, die Schüler für ein Leben außerhalb Deutschlands zu wappnen. Dazu wurden die Schüler im englischsprachigen Unterricht auf das „Cambridge School Certificate” vorbereitet. Mit all seiner Energie kämpfte Direktor Dr. Erich Klibansky, die Schule klassenweise nach England zu verlegen.

Einen Teil dieses Plans konnte er mit vier Transporten nach London, Liverpool, Manchester und Brighton umsetzen und so rund 130 Kinder retten. Erste Anlaufstelle für viele Kinder waren temporär zu Hostels umgewidmete Wohnhäuser. Nach Klibansky ist der heutige „Lern- und Gedenkort Jawne” am Erich-Klibansky-Platz in Köln benannt. Im Publikum befand sich mit Hilfried Heilbut aus Dresden ein durch einen Kindertransport nach England geretteter Zeitzeuge. Er spricht Deutsch mit englischem Akzent und ist seit über 50 Jahren verheiratet.

Mehr von Aachener Zeitung