Jülich: Viele Fragen beim Jülicher Forum Medizin zum „Patient 70+“

Jülich: Viele Fragen beim Jülicher Forum Medizin zum „Patient 70+“

„Nehmen Sie mit, dass Sie einen Teil Ihrer Lebensqualität in der 4. Lebensphase selbst in der Hand haben und dass es Hilfen gibt.“ So fasste unser Redakteur Otto Jonel das 26. Forum Medizin zusammen, das in der Tat „nachdenklicher gestimmt hat als alle bisherigen Medizinforen“.

Denn mit dem Thema „Patient 70+ — Altersmedizin im Blickpunkt“ hatte die veranstaltende Lokalredaktion in Zusammenarbeit mit dem St. Elisabeth-Krankenhaus und unterstützt von der AOK Rheinland/Hamburg, nicht nur örtlich einen Wechsel vollzogen.

Denn die vier hervorragenden Referate um die drei Schlüsselbegriffe „Alter, Krankheit, Lebensqualität“ hatten einen gesamtgesellschaftlichen Aspekt mit vielen Verästelungen zum Inhalt.

Laut Andreas Pieper, leitender Geriater (Altersmediziner) am Elisabeth-Krankenhaus, waren bei einer Erhebung vor wenigen Tagen „54 Prozent aller Patienten im Jülicher Krankenhaus älter als 75 Jahre“. Bis 2030 wird sich nach einem Demografie- und Sozialbericht der Stadt Jülich die Anzahl der 65-Jährigen verdoppeln. Was ist das Besondere im Elisabeth-Krankenhaus, das als „Geriatrie für Akutkliniken“, als lokales Traumazentrum im Traumanetzwerk Euregio Aachen (re)zertifiziert ist und im laufenden Jahr sogar als Alterstraumazentrum zertifiziert wurde?

„Wir behandeln unsere Patienten im Team. Neben den medizinischen Problemen berücksichtigen wir die individuelle, familiäre, soziale und lebensgeschichtliche Situation“, brachte Pieper es auf den Punkt. Ziel sei nach akuter Erkrankung die (schnelle) Wiedererlangung an Selbstständigkeit und Funktionalität und die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit.

Aufgabe des therapeutischen Teams sei es, besondere Förderschwerpunkte aufzudecken, verbunden mit einer Erfolgskontrolle. Aus eigener Sicht stellte der Geriater einen „eher generalistischen Ansatz“ heraus, in dem er Alter, Mulitmorbidität (Mehrfacherkrankungen) und soziale Umstände berücksichtigt.

Teamarbeit

„Unfallchirurgie und Altersmedizin arbeiten im Alterstraumazentrum Seite an Seite zur optimalen Behandlung von Verletzungen“, schlug Dr. med. Klaus Hindrichs, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Unfall- und Viszeralchirurgie im Jülicher Krankenhaus, in dieselbe Kerbe. Mit zunehmender Lebenserwartung wird aufgrund der im Alter veränderten Knochenstruktur „bis 2035 auch eine Verdopplung bis Verdreifachung der Altersbrüche erwartet“. Hindrichs umriss den Problemkreislauf um eingeschränkte Mobilität und Flexibilität des Patienten, der aber seine Lebensqualität erhalten will, und der gesellschaftlichen Erwartungen einer finanzierbaren funktionierenden Struktur.

Doch obwohl Aktivität im Alter eine vermehrte Gefährdung mit sich bringe, sei Inaktivität weit gefährlicher. Bei der detaillierten Präsentation von Lösungen bei diversen Brüchen plädierte Hindrichs für die „bestmögliche operative oder konservative Versorgung“ und setzte nach: „Und dann kommt das Team“ aus Unfallchirurgen, Anästhesisten, Geriatern, Hausarzt, Therapeuten und dem Sozialdienst. Das Allerwichtigste sei aber die Unfallvorsorge.

Krankheitsverlauf

„Etwas stimmt nicht mit mir“, zitierte Stefanie Froitzheim, Leiterin der Servicestelle für Demenz der AOK Rheinland/Hamburg in Jülich, einfühlsam eine Passage aus dem „Buch „Aus dem Schatten treten“. Protagonistin Helga Rohre hatte mit 54 Jahren die Diagnose Demenz erhalten. Eine frühe Diagnosestellung sei wichtig, die Demenz zu erkennen. Unterpunkte in Froitzheims Referat waren der individuelle Krankheitsverlauf und die Stadien der Alzheimer Krankheit, unter der zwei Drittel der Demenz-Patienten leiden.

Die Serviceleiterin ging auf die Gestaltung eines Alltags mit Demenz ein, in dem Umgang, Kommunikation und Krisenintervention die Hauptrolle spielen. Ferner sei alles für die Zukunft zu regeln in punkto Vorsorgevollmacht, Betreuungs- und Patientenverfügung. Die Fachfrau stellte Leistungen der Pflegeversicherung und Angebote zur Unterstützung im Alltag vor, wenn der Nachweis einer Einschränkung der Alltagskompetenz vorliegt. „Gehen sie offen mit der Krankheit um. Lassen Sie Hilfe zu“, riet sie. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang eine Gesetzesänderung zum Jahreswechsel. Die „Pflegestufe“ mit ihrer defizit-orientierten Pflege wird abgelöst vom „Pflegegrad“ mit vollumfänglicher Berücksichtigung demenzieller Erkrankungen und ressourcenorientierter Pflege.

Bewältigungsstrategien der langen, von Autonomieverlust geprägten 4. Lebensphase waren Vortragsthema von Dr. Robert Dujardin, Facharzt für Allgemeinmedizin, in der Hausarztpraxis in Müntz. In seiner Rolle als „Captain of treatment“ (Behandlungskapitän) betonte Dujardin die Wichtigkeit sozialer Kontakte, auch wenn das Umfeld und eigene Ziele verändert werden müssten. „Allemal besser, als die Lücke mit Sitzen und Medienkonsum zu schließen“ sei etwa eine Tagespflege, die einem Tag „Struktur und Inhalt geben“ könne. Ebenfalls riet der Allgemeinmediziner zu Alltagsbewegung und angepasstem Sport, Hilfsmitteln wie Hörgerät oder Rollator und zu einem „milden Übergewicht“, um den Muskelabbau zu bremsen.

Breiteren Raum nahmen Medikamente im Alter ein. Jede dritte Person in Deutschland zwischen 75 bis 85 Jahren bekommt mehr als acht Medikamente verordnet, bei bis zu 20 Prozent aller über 60-Jährigen kommen sogar 13 und mehr Wirkstoffe zum Einsatz. Deshalb verdienen einige Wirkstoffe aus der Gruppe der Schlaf- und Beruhigungsmittel oder der Medikamente „für die Nerven“ oder gegen Schmerz und Entzündung einen Nutzen- und Risikocheck.

Der Hausarzt stellte den Medikationsplan vor, der seit einem Monat verpflichtend ist, und Wirkstoffe, Arzneimittel, Fertigspritzen und Bedarfsmedikation aufführt. Bedauerlicherweise könne er aktuell nicht elektronisch, aber immerhin durch Ärzte und Apotheken gepflegt werden. Dujardin appellierte an seine Zuhörer: „Achten Sie selbst auf die Pflege Ihres vollständigen Medikationsplans.“

In der anschließenden Fragerunde mit dem Publikum war fast immer der Hausarzt der Ansprechpartner. „An wen muss ich mich wegen eines Medikationsplans wenden?“ Antwort: „Der Hausarzt ist die richtige Adresse. Aber der Chef über das, was Sie einnehmen, sind Sie.“ „Ist der Facharzt verpflichtet, den Hausarzt zu informieren? „Eigentlich ja, es kommt aber oft zeitverzögert zu diesem Bericht.“

Eine Frage richtete sich an die Demenzexpertin. „Kann ich meiner dementen Mutter sagen, was sie hat? „Ja, aber mit viel Fingerspitzengefühl“, dafür plädierten Froitzheim und Dujardin.

(ptj)