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Stadtplanung und Klimawandel: Viele Chancen trotz aller Zielkonflikte

Stadtplanung und Klimawandel : Viele Chancen trotz aller Zielkonflikte

Wie muss sich eine Stadt in Zeiten des Klimawandels aufstellen, wie sieht die Stadtplanung der Zukunft aus? Fragen, mit denen sich Jülichs Klimaschutzmanager und der Baudezernent befassen.

„Aber schreiben Sie bloß nicht, dass es überall nur Zielkonflikte gibt. Ich sehe viel, viel mehr Chancen“, sagt Sebastian Ross am Ende des Gesprächs. Ross ist Klimaschutzmanager bei der Stadt Jülich. Wenn man sich mit ihm und Baudezernent Martin Schulz über die Frage unterhält, wie sich eine Stadt in Zeiten des Klimawandels aufstellen muss, wie die Stadtplanung der Zukunft aussehen kann, lernt man schnell, wie komplex die Fragestellungen sind, vor denen Städteplaner stehen.

Dabei hat Ross keinen einfachen Job. Er soll das 2012 von einem externen Ingenieurbüro erstellte Klimaschutzkonzept samt flankierendem Maßnahmenpaket umsetzen. Nicht ganz einfach, weil er nicht über eigene Haushaltsmittel verfügt, sondern zum einem Fördergelder einwerben muss, zum anderen bei jedem Invest einen Ratsbeschluss benötigt. „Ich kann da nicht eine Maßnahme nach der anderen abhaken, sondern muss Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Ross. Zudem kann Ross in vielen Bereichen nur begrenzt Einfluss auf Ergebnisse seiner Arbeit nehmen. Wer sich beispielsweise 2012 das Ziel setzt, bis 2020 den CO2-Ausstoß um 16 Prozent zu reduzieren, kann zwar viele Maßnahmen in Angriff nehmen, erreicht werden kann so ein Ziel natürlich nur, wenn es gesamtgesellschaftlich in Angriff genommen wird, die Bürger entsprechende Ziele zu ihren eigenen machen.

Überzeugungswillige Politik

Das tun die Bürger. Zum Beispiel wenn Ross zum Stadtradeln einlädt, wenn es Anreize für Fotovoltaikanlagen auf dem eigenen Hausdach geht. Kommen viele Bürger zum Stadtradeln, kann Ross wiederum die Politik leichter davon überzeugen, den Jülicher Radwege-Flickenteppich in ein Radwegekonzept umzuwandeln.

Dabei ist Ross momentan sogar in einer glücklichen Situation: Die Politik ist aktuell überzeugungswillig. Nachdem der Rat es vor der Sommerpause abgelehnt hatte, auf Antrag der Jülicher Grünen symbolisch den Klimanotstand auszurufen, will die Verwaltung quasi als Ausgleich nach der Sommerpause ein Sofortprogramm vorschlagen, wie der klimaschädliche CO2-Ausstoß reduziert werden kann. Dabei ist Ross und Baudezernent Martin Schulz bewusst, dass es künftig auch um grundsätzliche Fragen gehen muss. Zwar hatte sich Schulz gegen den Antrag der Grünen ausgesprochen. Sein Argument: Nicht jede Maßnahme dürfe unter dem CO2-Aspekt betrachtet werden.

Erst recht nicht, wenn man im Rahmen des Strukturwandels neue Arbeitsplätze schaffen will und damit neue Gewerbegebiete benötigt, oder entsprechenden Wohnraum anbieten will, was neue Baugebiete voraussetzt. Also geht es eher darum, möglichst intelligente Lösungen zu finden. Wie etwa beim Brainergy-Park. Das ist für Ross und Schulz natürlich das Vorzeige-Projekt. Aber es zeigt auf, was künftig machbar sein könnte. Ross: „Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir künftig mit verfügbaren Raum umgehen. Wollen wir den Raum verdichten? Oder eher in die Fläche gehen?“ Schulz spricht davon, dass gerade die Begrünung der Stadt ein wichtiges Thema werden wird: „Bisher war beispielsweise in Baugebieten die Leitlinie eher ‚Bäume raus, Parkplätze’ rein.

Für Klimaschutzmanager Sebastian Ross (links) und Baudezernent Martin Schulz ist die Begrünung der Stadt ein wichtiges Thema. Foto: Burkhard Giesen

Das Thema Mobilität wird sich aber ändern. Künftig wird nicht jeder mehr zwei Autos vor der Tür stehen haben“, glaubt er. Darauf muss eine Kommune frühzeitig reagieren, sie muss aber vielleicht auch Entwicklungen steuern. Aktuellstes Beispiel sind die vielfach diskutierten „Gärten des Grauens“, mit Steinen versiegelte Vorgärten, die landauf, landab von Kommunen reglementiert werden. Auch wenn Schulz glaubt, dass es sich dabei nur um eine Modeerscheinung handelt, prüft er dennoch, ob es Sinn machen könnte, ein entsprechendes Verbot für neue Baugebiete vorzuschlagen.

Gerade mit Blick auf die Begrünung der Stadt könnte man da noch weitergehen. Schulz wünscht sich eine Diskussion mit der Politik darüber, ob man zum Beispiel für Neubaugebiete auch eine Dachbegrünung vorschreiben könnte. Gerade beim Thema Begrünung werden Zielkonflikte besonders deutlich. Ein begrüntes Dach steht nicht für die Solarstromgewinnung zur Verfügung. Oder: Wenn ich für das Kleinklima wichtige Bäume ins Straßenbild einplane, dann, sagt Schulz, kann ich den Raum im Zweifel nur auf Kosten der Fahrbahn gewinnen. Sebastian Ross: „Auch in dem Punkt müssen wir uns entscheiden, was wichtiger ist: der Fahrradweg oder die Bäume?“ Und dann muss man sich noch mit Bürgern auseinandersetzen, die zwar mehr Grün in der Stadt wünschen, aber bitte nicht den Baum vor der eigenen Haustür, der im Herbst Laub abwirft.

Schulz: „Wir wollen den Arbeitskreis Klimaschutz für Jülich aktivieren und all diese Fragen und Zielkonflikte diskutieren“, verspricht er. Gerade auch mit Blick auf die Umsetzung von Projekten im Rahmen des Integrierten Handlungskonzeptes. Für Sebastian Ross könnte genau dieses Instrument zu einer Art Motor für eine klimafreundlichere Stadtplanung werden: „Das Integrierte Handlungskonzept wird viele Denkanstöße, vor allem aber unfassbar viele Chancen bieten.“ Trotz aller Zielkonflikte.