Jülich: VHS-Vortrag: Arndts Thesen zum Holocaust

Jülich : VHS-Vortrag: Arndts Thesen zum Holocaust

Elf Personen hatten sich zum VHS-Vortrag von Armin Kaleck über Hannah Arendts Thesen zum Holocaust angemeldet, rund 30 Interessierte fanden sich ein. Dabei erwies sich Kalecks Vortrag als ebenso ausführlich und vielschichtig wie die anschließende Diskussion.

Der Referent zielte darauf ab, heutige Initiativen gegen das Vergessen durch Versuche zu ergänzen, „jene Zeit zu verstehen“. Damit meinte er ausdrücklich nicht gut heißen, sondern Zusammenhänge aufzudecken, um solcherlei Entwicklungen in Zukunft zu verhindern.

Kontrovers diskutiert

Die jüdisch-deutsch-amerikanische Schriftstellerin Hannah Arendt veröffentlichte zu dem Thema etliche philosophische und politische Schriften, Lebens- und Werkbeschreibungen. Dabei „analysierte sie mit scharfem Verstand und sicher auch kühl wirkender sachlicher Distanz“. In ihrem Hauptwerk beschreibt sie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Praktisch demonstriert werden ihre Überlegungen in ihrem heftig kontrovers diskutierten Buch „Eichmann in Jerusalem. Die Banalität des Bösen“. In letzterem warf man ihr vor, sie habe Eichmann verharmlost, sogar verteidigt, als sie schrieb: „Eichmann war nicht Jago und nicht Macbeth, und nichts hätte ihm ferner gelegen, als zu beschließen, ein Bösewicht zu werden, außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte...“

Laut Kaleck ging es der Schriftstellerin aber gerade um eine Prozess-Analyse. Bereits in ihrem Vorwort habe sie geschrieben, sie sei der Meinung, „dass dieser Prozess im Interesse der Gerechtigkeit und von nichts sonst stattfinden musste...“.

In der Hauptsache befasste sich Kaleck aber mit dem Hauptwerk der jüdischen Schriftstellerin, das er abschließend einer kritischen Zusammenfassung unterzog. Überzeugend beschreibt die Schriftstellerin totalitäre Bewegungen und deutet Ideologien, die Kaleck am liebsten auf heutige Erfahrungen mit islamistischen Gruppierungen diskutiert hätte. Dazu fehlte aber die Zeit.

Laut Arendt herrscht in einer totalen Herrschaft „ein alles und alle umfassendes moralisches Gesetz, dem sich niemand entziehen kann“. Man habe es nicht mit Mördern zu tun gehabt, „die wissen, was Mord ist, sondern mit Bevölkerungspolitikern, die nicht aus den üblichen mörderischen Motiven handelten“. Totale Herrschaft entstehe aus totalitären Bewegungen, die wiederum auf Ideologien basieren, die „alle totalitäre Elemente enthalten“.

„Sehr gewagt“

Am meisten diskutiert wurde im Anschluss die Frage, warum die Juden zur Zielgruppe der Nazis wurden. „Sehr gewagt“ befand nicht nur Kaleck Arendts Aussage, „ohne die Selbstinterpretation des jüdischen Volkes hätte der Antisemitismus schlechterdings nicht entstehen können“. Dabei seien, laut Autorin, die Juden selbst zu der Überzeugung gekommen, die Unterschiede seien in der „Verschiedenheit der Rassen“ begründet. Ursächlich für den stärker werdenden Judenhass gegen Ende des 19. Jahrhunderts führt sie die Nichteingliederung der Juden in die Gesellschaft, ihre Nichtbeteiligung am Kapitalismus und ihre Nähe zu dem von den Nichtjuden ungeliebten Staat an. Hier sah Kaleck hingegen den Neid für die voranschreitende Assimilation und Aufgeschlossenheit der Juden in diesem Zeitraum als Beweggrund.

Die anschließende angeregte Diskussion mit den Zuhörern, die auch religiöse Aspekte anführten, fasste Dezernent Günther Vogel abschließend zusammen: „Monokausale Gründe gibt es nicht.“ Die jahrhundertelange Judenverfolgung sei zunächst durch den von ihnen eingeführten Monotheismus entstanden. Später übten sie „unchristliche“ Berufe aus. Doch die Ausschlüsse der Juden aus der Gesellschaft seien über den Bruch in der ethnischen Diskussion entstanden. Zur Endlösung seien die Nazis stufenweise vorangeschritten, getrieben von der Frage: „Wie weit können wir gehen, ohne auf deutschen Widerstand zu stoßen?“

Das Schlusswort bezeichnet Vogel als „partiell“. Fortgesetzt werden soll die Diskussion mit Überlegungen zur Entstehung der Terrormiliz „Islamischer Staat“, aber auch Bewegungen wie Pegida und lokalen Ablegern.

(ptj)
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