1. Lokales
  2. Jülich

Veranstaltungsreihe zur Zeit des Zweiten Weltkrieges

Veranstaltungsreihe zum Zweiten Weltkrieg : „Bombenkrieg und Befreiung an der Rur“

Das Museum Zitadelle Jülich und das Stadt- und Kreisarchiv Düren setzen sich zum Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs in Kooperation mit den beiden Volkshochschulen mit eben diesem Krieg in einer Veranstaltung auseinander. Startschuss für eine ganze Reihe.

Es ist der 1. September 1939, ein Freitag, als die deutsche Bevölkerung frühmorgens nicht wie schon öfters zuvor durch eine Luftschutzübung geweckt wurde, sondern durch den Reichskanzler Adolf Hitler selbst: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“, klang es aus den Volksempfängern, einer der bekanntesten Sätze der deutschen Geschichte, so falsch wie dramatisch. Falsch, weil nicht zurückgeschossen wurde, sondern der schon lange geplante Angriff auf Polen mit angeblichen Attacken polnischer Aufständischer und einer Inszenierung beim Sender Gleiwitz als Notwehr legitimiert wurde.

Dramatisch, weil dieser Tag das Startsignal für einen Krieg sein sollte, wie ihn die Welt in seiner monströsen Dimension noch nicht gesehen hatte. Fast 60 Millionen Tote kostete er, Deutschland lag in weiten Teilen in Schutt und Asche, 40 Jahre war das Land gespalten in Ost und West. Durch den Holocaust und damit durch die Zerstörung der Grundlagen von Menschlichkeit und Zivilisation war es mit einem Schandmal versehen, das bis in die Gegenwart andauert und durch nichts relativiert werden kann.

Ein „Vogelschiss“ war die Zeit des Nationalsozialismus jedenfalls nicht. Und die damit untergründig verbundene Forderung, endlich einen Schlussstrich zu ziehen, zu vergessen, unter den Teppich zu kehren, das kann und darf nicht Ansatz sein für alle, die aus dem Grauen der Vergangenheit lernen und eine stabile Demokratie als Grundvoraussetzung menschlichen Miteinanders sehen wollen.

Auftakt der Veranstaltungsreihe mit Michael Gutbier (links) und Guido von Büren. Foto: Günter Vogel

Folgerichtig war der Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges Anlass genug, sich intensiv dem Thema zu widmen. Das haben das Museum Zitadelle Jülich und das Stadt- und Kreisarchiv Düren getan. In Kooperation mit den Städten Düren und Jülich, der VHS Jülicher Land und anderen Akteuren legen sie ein umfassendes und facettenreiches Veranstaltungsprogramm mit dem Titel „Zwischen ‚Führer’ und Freiheit – Bombenkrieg und Befreiung an der Rur“ vor. Ausstellungen, Vorträge, Exkursionen und Diskussionen in Düren und Jülich fokussieren den Blick der NS-Zeit und des „Totalen Krieges“ auf unsere Region (die Broschüre mit dem ausführlichen Programm ist bei den Veranstaltern erhältlich).

Startschuss war am vergangenen Mittwoch in der Schlosskapelle der Zitadelle Jülich. Guido von Büren vom Museum Zitadelle Jülich und vom Geschichtsverein Jülich begrüßte dort vor gut besuchtem Haus Michael Gutbier, Historiker und Vorsitzender des Geschichtsvereins Opladen 1979. Dessen Thema: „1939: Der Beginn des Zweiten Weltkrieges – Wahrnehmungen und Erleben im Rheinland“. Gutbier machte gleich zu Beginn klar, dass der 16. November 1944, der sich mit der nahezu vollständigen Zerstörung von Jülich und Düren als Kulminationspunkt in das Gedächtnis der Städte eingebrannt hat, keineswegs ein Schicksalsschlag wie aus heiterem Himmel war, sondern das Ergebnis politischen Willens und Handels seit 1933, als Hitler und die NSDAP Deutschland unter ihre Macht brachten.

Seine Politik, so Gutbier, war von Anfang an auf Expansion – Stichwort „Lebensraum im Osten“ – angelegt und damit zwangsläufig auf Krieg. Die Vorbereitungen dazu, aber auch die Vorbereitung der Bevölkerung auf Krieg begann schleichend über die Jahre, aber konsequent und kontinuierlich. Vor allem das Militär hatte größtes Interesse daran, wieder eine stärkere Stellung im Staat zu bekommen – mit den Versailler Verträgen war dieser Komplex von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges erheblich beschnitten worden.

Die Umfunktionierung der Reichswehr zur Wehrmacht mit Wiederbewaffnung und Einführung der Wehrpflicht über das Limit von 100.000 Soldaten hinaus wurde deshalb mit Nachdruck verfolgt. Ziel des sogenannten Vierjahresplanes von 1939 unter Führung von Herrmann Göring war die Kampfbereitschaft Deutschlands bis 1940. In der Denkschrift Hitlers zum Vier-Jahresplan vom August 1936 – pikanterweise genau zum Zeitpunkt der Olympischen Sommerspiele – heißt es unter anderem, alle Länder außer Deutschland und Italien seien unfähig, jemals einen aussichtsvollen Krieg gegen Sowjetrussland zu führen.

Und weiter wörtlich: „Das Ausmaß und das Tempo der militärischen Auswertung unserer Kräfte können nicht groß und schnell genug gewählt werden… Ähnlich der militärischen und politischen Aufrüstung bzw. Mobilmachung unseres Volkes hat auch eine wirtschaftliche zu erfolgen…Die endgültige Lösung liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis unseres Volkes…Ich stelle damit folgende Aufgabe: I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. die deutsche Wirtschaft muß in 4 Jahren kriegsfähig sein.“

Es war also durchaus klar, wohin die Reise gehen sollte: mit aller Macht in den Krieg. Die „friedlich“, weil ohne militärische Auseinandersetzungen gelösten Zielsetzungen Hitlers, so zum Beispiel die Lösung der Sudetenkrise, änderten nichts an der schon jahrelangen Planung zur Kriegsfähigkeit Deutschlands und zu einem Krieg im Osten. Der Hitler/Stalinpakt mit den geheimen Zusatzprotokollen Polen aufzuteilen schien da, so Michael Gutbier, konträr zu sein, war aber im Ergebnis nur Ausdruck einer übergeordneten Strategie.

Am Rheinland gingen die Vorbereitungen nicht spurlos vorbei. Wichtige Wirtschaftszweige wie Bayer und IG Farben spürten den neuen Wind und witterten Aufträge, die Militarisierung von Strukturen und Einrichtungen wurden forciert. Luftschutz- und Bunkerbau wurden vorangetrieben, der Westwall reaktiviert. Jülich war davon nicht ausgenommen, so durch die Nutzung der Zitadelle durch die Wehrmacht.

In der Bevölkerung zeigten sich durchaus zwiespältige Tendenzen: Auf der einen Seite war eine gewisse Kriegsmüdigkeit aufgrund der Erlebnisse des Ersten Weltkrieges zu verspüren, der Hurra-Patriotismus wie zuvor nicht in dem Maße gegeben. Aber es gab eben auch andere, die mit Hitler eine neue, gute Zeit kommen sahen. Gutbier zitiert dazu einen Zeitzeugen aus Köln: „Mein Onkel war einer von den ganz Scharfen und ließ seine Söhne und mich regelmäßig zu militärischen Übungen antreten.“ Die Skepsis bei manch anderem wich dann durch die schnellen Siege über Polen und Frankreich einer anderen Stimmung: Der Krieg schlich sich in die Köpfe und war eingebettet in den Alltag, weil – noch – wenig zerstörerisch. Nach den vermeintlichen Demütigungen durch Versailles stand Deutschland in den Augen vieler wieder auf. Macht Deutschland wieder groß! Das schien – wie offensichtlich noch heute – seine Wirkung zu entfalten.

In seinem Vortrag machte Michael Gutbier klar, dass es die Nationalsozialisten verstanden, durch einen stetigen Prozess die Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten. Eine Propaganda, die die Auseinandersetzungen vorher und zu Kriegsbeginn als Notwehr des deutschen Volkes darstellten, taten ihr Übriges, um in eine Katastrophe geworfen zu werden, deren Folgen auch heute noch in höchsten Maße spürbar sind.