Kreis Düren: Ursachensuche zum Dioxin an der Inde wird schwierig

Kreis Düren : Ursachensuche zum Dioxin an der Inde wird schwierig

Der Kreis Düren hat eine vorsorgliche Warnung vor einer möglichen Kontamination von Erdreich im früheren Überschwemmungsbereich der Inde ausgesprochen. Da auf landwirtschaftlichen Flächen zum Teil hohe Belastungen mit Dioxinen und Schwermetallen nachgewiesen worden sind, könnte das auch in angrenzenden Wohngebieten der Fall sein.

Das beunruhigt viele und wirft Fragen auf: zur Höhe der Belastung, möglichen gesundheitlichen Folgen, Vorsichtsmaßnahmen, zu Verursachern und zu weiteren Proben, die jetzt folgen. Der Leiter des Kreisumweltamtes Düren, Ralf Kreischer, hat auf Fragen unserer Redaktion geantwortet — ebenso die Städteregion Aachen und der Indener Bürgermeister Jörn Lange­feld.

Die Fragen stellten Volker Uerlings und Guido Jansen.

Welche Werte von den landwirtschaftlichen Flächen halten Sie für besonders kritisch, wenn entsprechende Belastungen in den Bodenproben der Wohngebiete bestätigt würden?

Ralf Kreischer: Hinsichtlich Dioxine/ Furane, Blei und Cadmium könnten die Prüf- bzw. Maßnahmenwerte für Kinderspielflächen überschritten werden. Dioxine/ Furane können in Abhängigkeit von der aufgenommenen Menge zu Krebs und Fruchtschädigungen führen. Schwermetalle können insbesondere zur Schädigung des Nervensystems, der Nieren und des Knochenmarks führen. In Bezug auf Kinder wäre das sicherlich die kritischste Belastungssituation.

Die Werte für Kinderspielplätze unterscheiden sich deutlich von den anderen. Sind also Kinder generell bei Aufnahme von Dioxinen und Schwermetallen besonders gefährdet?

Kreischer: Bei Kindern liegen die maximal tolerablen Aufnahmemengen grundsätzlich niedriger als bei Erwachsenen. Bei den Aufnahmeszenarien wird davon ausgegangen, dass Kinder, insbesondere Kleinkinder, belastete Erde hauptsächlich beim Spielen (Hände in den Mund) aufnehmen und die aufgenommene Menge im Verhältnis zum Körpergewicht grundsätzlich höher als bei Erwachsenen ist. Daher sind die Prüf- und Maßnahmenwerte für Kinderspielflächen deutlich niedriger als die allgemeinen für Wohngebiete. Kinderspielflächen sind dabei nicht nur Spielplätze, sondern alle Flächen, auf denen regelmäßig Kinder spielen. Insofern können auch Bereiche in Hausgärten als Kinderspielflächen anzusehen sein.

Welche Spitzenwerte haben Sie bei Dioxinen und Schwermetallen auf den landwirtschaftlichen Flächen festgestellt?

Kreischer: Bei Dioxinen/Furanen wurden 20-249 ng TEq/kg TM (Toxizitätsäquivalente pro kg Trockenmasse) ermittelt. Die Maßnahmenwerte — das sind die Werte, ab denen Maßnahmen ergriffen werden müssen — sehen so aus: Kinderspielflächen 100 ng; Wohngebiete 1000 ng.

Festgestellte Werte bei Blei: 100-1140 mg/kg. Hier gibt es Prüfwerte — das sind Signalwerte, bei deren Überschreitung eine Gefahr nicht ausgeschlossen werden kann: Kinderspielflächen 200 mg; Wohngebiete 400 mg; Park- und Freizeitanlagen 1000 mg; landwirtschaftliches Grünland 1200 mg.

Festgestellte Werte bei Cadmium: 4-23 mg/kg. Die Prüfwerte: Kinderspielflächen 10 mg; Wohngebiete 20 mg; Park- und Freizeitanlagen 50 mg; privater Anbau von Nahrungspflanzen 2 mg. Die Belastungen sind unterschiedlich verteilt. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass die Flächen früher nicht gleichmäßig überflutet wurden. Generell ist Grünland höher belastet als Acker. Dies ist vermutlich auf die jahrelange Vermischung mit tiefer gelegenen unbelasteten Böden durch Pflügen etc. zurückzuführen.

Nehmen Sie nun Bodenproben von allen Wohnbau-Flächen in der Gemeinde Inden, die im früheren Überschwemmungsgebiet liegen?

Kreischer: Es wurden zwischenzeitlich bereits Bodenproben von zwei Spielplätzen im ehemaligen Überschwemmungsgebiet und einem angrenzenden Kindergarten gezogen. Die Labor-Analysen liegen allerdings noch nicht vor. Vorgesehen ist weiter eine repräsentative Nutzungskartierung und anschließende repräsentative Beprobung der Böden in den Wohngebieten durch ein spezialisiertes Gutachterbüro. Das Büro wird ein Untersuchungskonzept erarbeiten. Der genaue Beprobungs- und Analysenumfang steht daher zur Zeit noch nicht fest. Aufbauend auf den Ergebnissen erfolgt anschließend die gutachterliche Bewertung und die Festlegung endgültiger Handlungsempfehlungen.

Warum könnte es längere Zeit dauern, bis Ergebnisse vorliegen?

Kreischer: Das Büro muss zunächst für die Auftragsvergabe ein Angebot mit konkretem Untersuchungskonzept erstellen. Die Arbeiten vor Ort (Kartierung, Beprobung) und die Auswertung der Ergebnisse sind zeitaufwändig und umfangreich. Hinzu kommt, dass Dioxin-Analysen in der Regel jeweils vier bis sechs Wochen dauern, da diese nur von wenigen spezialisierten Laboren durchgeführt werden können.

Wer muss die Kosten tragen, wenn sich herausstellen sollte, dass private Wohnbauflächen belastet sind? Gibt es hier staatliche Hilfe?

Kreischer: Bei den geplanten weiteren Untersuchungen handelt es sich zunächst auch noch um Maßnahmen der Gefahrenerforschung, die der Kreis Düren als Bodenschutzbehörde trägt. Sollten im Ergebnis neben Handlungsempfehlungen tatsächlich punktuell vertiefende Untersuchungen und Sicherungs- oder Sanierungsmaßnahmen nötig sein, müssten diese grundsätzlich mangels konkretem Verursacher von den jeweiligen Grundstückseigentümern getragen werden. Öffentliche Fördermittel stehen hierfür nicht zur Verfügung.

Mögliche Sicherungs- oder Sanierungsmaßnahmen könnten insbesondere sein: offene Bodenbereiche befestigen (zB. mit Pflaster) oder Gras einsähen; oberen Boden ausreichend tief abtragen und entsorgen; Gelände mit unbelastetem Boden abdecken.

Lassen sich mögliche Verursacher überhaupt noch finden?

Kreischer: Regelmäßige Überschwemmungen der Inde haben insbesondere vor Begradigung und Eindeichung bis in die 1960/70er Jahre stattgefunden. Die Belastungen sind nach derzeitiger Erkenntnis über einen längeren Zeitraum vor 50 bis über 100 Jahren entstanden. Punktuelle Schwermetallbelastungen der Indeaue, die sowohl natürlichen Ursprungs sind als auch ihre Ursache im Bergbau und der Erzgewinnung im Aachener/Stolberger Raum haben, sind schon länger bekannt. Dioxine und Furane stammen klassischerweise aus der Chlorchemie. Derzeit ist allerdings keine Chlorchemie im Umfeld bzw. im Einzugsbereich der Inde im Raum Aachen/Stolberg bekannt. Nach neueren Erkenntnissen können die Stoffe auch bei bestimmten industriellen Prozessen, der Erzaufbereitung und im Bergbau gebildet werden. Es wird daher nach heutigem Kenntnisstand wohl nicht möglich sein, bestimmte Belastungen und Stoffe eindeutig bestimmten Herkunftsbereichen bzw. konkreten Firmen — falls überhaupt noch existent — zuzuordnen. Die Ursachenforschung wird in jedem Fall unter Einbeziehung des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz weiter betrieben.

Welche drei wichtigsten Empfehlungen geben Sie den Menschen, deren Böden belastet sein könnten?

Kreischer: Bis zur Klärung und Bewertung der tatsächlichen Bodenbelastungen und der Aufnahmeverfügbarkeit der Stoffe durch den menschlichen Körper sollten die durch das Gesundheitsamt vorbeugend ausgesprochenen Handlungsempfehlungen beachtet werden; insbesondere:

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