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Angeklagter räumt viele Taten ein: Überraschung im Reifenstecher-Prozess

Angeklagter räumt viele Taten ein : Überraschung im Reifenstecher-Prozess

Für eine Überraschung hat der Verteidiger von Kurt B. gesorgt. Dem Niederzierer Angeklagten wird neben Nötigung, Betrug und Körperverletzung auch die Beschädigung von 183 Autos in der Jülicher Innenstadt vorgeworfen. Fast alle Fälle räumte der Anwalt jetzt ein, einen allerdings nicht.

Der Satz von Verteidiger Thomas Pohlhammer kam unerwartet. „Nach der Aktenlage ist ein Tatnachweis kaum möglich. Es gibt auch keine Zeugen“, sagte Pohlhammer. Zuvor hatte er für seinen Mandanten Kurt B. vor dem Dürener Schöffengericht in gleich mehreren Fällen die Täterschaft eingeräumt, bei diesem einem Punkt war es anders. Kurt B. muss sich in mehreren Verfahren unter anderem wegen Nötigung, Sachbeschädigung, Beleidigung, Diebstahl, Betrug und Körperverletzung verantworten.

Die Liste der Strafdelikte ist lang. Das bekannteste Delikt soll der Niederzierer Anfang Februar 2022 in Jülich begangen haben. Genau in diesem Fall bestreitet Kurt B. über seinen Anwalt jetzt die Täterschaft. Damals wurden laut Staatsanwaltschaft in 183 Fällen in der Innenstadt an Autos ein oder mehrere Reifen zerstochen. Der Fall hatte für Schlagzeilen gesorgt, weil der Sachschaden insgesamt mit geschätzt 35.000 Euro relativ hoch war.

B. war nach der Tat sehr schnell ermittelt worden, identifiziert anhand eines Videos und, weil in seiner Wohnung Kleidung gefunden wurde, die auch der Täter getragen haben soll. Schon die Staatsanwaltschaft hatte die Zahl der Fälle – insgesamt wurden an über 200 Autos die Reifen zerstochen – reduziert, weil man ihm nicht alle Fälle nachweisen konnte. B. war damals in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden, die er aber nach etwa einer Woche wieder verlassen konnte.

In einem zweiten Anlauf wird dem Niederzierer Kurt B. vor dem Amtsgericht Düren der Prozess gemacht. Im August 2022 endete der Prozessauftakt mit einer Verweisung an das Landgericht.
In einem zweiten Anlauf wird dem Niederzierer Kurt B. vor dem Amtsgericht Düren der Prozess gemacht. Im August 2022 endete der Prozessauftakt mit einer Verweisung an das Landgericht. Foto: Burkhard Giesen

Dabei passt der Fall, in Jülich an über 180 Autos die Reifen zu zerstechen, gut in das Muster der anderen Delikte, die B. vorgehalten werden. Erkennbar wird, dass er sich nicht in jeder Situation unter Kontrolle hat und überreagiert. Deutlich wird das beispielsweise immer wieder dann, wenn es um seine Mutter geht, die in Niederzier in einem Altenheim untergebracht ist. B. hat dort Hausverbot, kann seine Mutter also nicht besuchen.

Als er noch bei seiner Mutter gelebt hat, habe er sie zehn Jahre lang gepflegt, gibt er vor Gericht an. Als er selbst aufgrund psychischer Probleme Hilfe benötigt habe, sei seine Mutter ins Altenheim gekommen. Da, sagt er, sei es zu Differenzen mit den Pflegern bekommen, er habe Beschäftigte beleidigt, sich aber später dafür entschuldigt. Das Hausverbot sei aber bestehen geblieben.

„Meine Mutter liegt im Sterben, und ich darf sie nicht sehen. Das erzeugt einen Groll in mir, und ich weiß nicht, was ich noch machen kann“, sagt B. ziemlich klar. Genauso klar beantwortet er die Fragen des Richters zu seiner Person, schildert, dass er ohne Vater aufgewachsen sei, er als gelernter Elektriker für zahlreiche Betriebe in der Region gearbeitet habe, seine Rente, die er inzwischen beziehe, nicht ausreiche, er seine jahrzehntelange Drogensucht mit mehreren Langzeittherapien in den Griff bekommen und er stattdessen Methadon eingenommen habe.

Wie schnell B. überreagieren kann, zeigt ein Vorfall im Oktober 2021. Kurt B. wollte nach einem Aufenthalt in der Dürener LVR-Klinik etwas abholen und wusste anschließend offenbar nicht, wie er sich ein Taxi rufen sollte. Seine Problemlösung: Er blockierte mit Steinen und Bäumen eine Klinik-Ausfahrt, stoppte so den Pkw einer Diplom-Psychologin, beschädigte ihr Auto und griff sich ihr neuwertiges Mobiltelefon.

Straßen mit Graffiti bemalt

„Der hat wie ein Irrer auf mein Auto eingetrommelt, mich angeschrien, beschimpft und bedroht. Er war vor Wut außer sich. Ich hatte Angst“, schildert die Zeugin den Vorfall. B., der vorher so klar alle Fragen beantwortet hat, hört teilnahmslos zu und schweigt. In anderen Fällen hat der Niederzierer in seiner Heimatgemeinde Straßen mit Graffiti bemalt, in Düren auf dem Kaiserplatz eine Gruppe junger Männer mit einem Messer bedroht, als sie seinen Tretroller zur Seite räumen wollten, den er mitten auf dem Platz hatte liegen lassen, nachdem er schon zuvor offenbar wahllos Menschen angepöbelt hatte. „Er machte einen sehr aggressiven Eindruck“, schilderte der Betroffene. In mehreren Fällen hat B. Menschen mit einem Messer bedroht, das Messer aber eher gezogen und ist damit nicht direkt auf sein Gegenüber losgegangen, wie Gericht und zuständige Sachverständige bei den Zeugenbefragungen herausarbeiten.

Ist B. schuldfähig? Kann ihm der Fall der zerstochenen Reifen in Jülich nachgewiesen werden? Mit welcher Strafe muss B. rechnen? Diese Fragen werden beim kommenden Verhandlungstermin im Mittelpunkt stehen. Für das Gericht könnte die Antwort zu einer Gratwanderung werden. So hat bereits Ende Oktober 2022 das Landgericht Aachen entschieden, dass es eine dauerhafte Unterbringung des Angeklagten in der Psychiatrie nicht für angemessen hält, weil von B. keine Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe und es sich bei den Taten überwiegend um Sachbeschädigungen handele. Bei der Menge an Taten mag das stimmen.

Dennoch sitzen an diesem Vormittag gleich mehrere Zeugen im Gerichtssaal, die sagen, dass sie in der jeweiligen Situation Angst hatten und sich bedroht fühlten. Weitere Zeugen werden folgen.