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Selgersdorf: „Übergang” schon achteinhalb Jahre

Selgersdorf : „Übergang” schon achteinhalb Jahre

Senad Dudakovic kam vor rund achteinhalb Jahren nach Jülich - mit Frau, Sohn und einem Koffer.

Die bosnische Familie war vor den Schrecken des Bürgerkriegs in Jugoslawien geflohen.

Aus gutem Grund. Vater Dudakovic wurde in einem Zwangsarbeiterlager festgehalten, was er auch belegen kann. Er ging nicht das Risiko ein, noch einmal seine Freiheit zu verlieren, wollte seine junge Familie in Sicherheit bringen.

Der gelernte Maschinenschlosser fand mit seiner Frau Mateja und Sohn Damir Unterschlupf in einem kleinen Zimmer des Selgersdorfer Übergangsheim. Neun Quadratmeter für drei Personen.

Aus dem Übergang sind nun Jahre geworden. Auch wenn der Familie nach und nach mehr Platz eingeräumt wurde und sie endlich seit einem halben Jahr in einer Dreizimmerwohnung des Übergangsheims lebt, ist Raum knapp.

Töchterchen Edita wurde in Jülich geboren. Lieber heute als morgen würde sie in eine „normale” Wohnung ziehen, die aber die Stadt Jülich offenbar nicht zur Verfügung hat.

Stolz sind Damir (11) und Edita (6) auf ihre Kontakte mit der Außenwelt. Der Junge besucht die Gemeinschaftshauptschule an der Linnicher Straße, seine Schwester die Promenadenschule.

Beim Besuch in der Unterkunft wird von der gastfreundlichen Familie bosnischer Kaffee serviert, der den Puls und das Wohlbefinden in die Höhe treibt.

Im Fernsehen flimmert via Satellitenschüssel ein Fernsehprogramm aus der Heimat. Dorthin will der 39-Jährige auf keinen Fall zurückkehren. Sein Dorf ist zerstört. Die nächste Schule für seine Kinder liegt 24 Kilometer (!) entfernt. Die Regierung führte eine für ihn fremde Schrift ein.


Das Schlimmste aber ist, das nach Ende des Krieges von Toleranz nicht die Rede sein kann. Der Moslem Dudakovic ist mit einer Katholiken verheiratet.

Für die Beiden und ihre Familie kein Problem. „Das Blut ist gleich”, sagt die 35-jährige Mateja. Das scheint für religiös Verwirrte in der Heimat aber nicht so zu sein.

Enttäuscht ist Vater Dudakovic über die Probleme mit der deutschen Bürokratie. Immer wieder bat er um die notwendige Anerkennung und Papiere, um endlich regelmäßig arbeiten zu dürfen.

Während der achteinhalb Jahre „im Übergang” und in ständiger Angst vor Abschiebung hatte er vorübergehend als Aushilfe arbeiten können. Seine Firma verwendete sich für ihn bei den Ämtern, wollte ihn fest anstellen. Das Arbeitsamt machte jedoch einen Strich durch die Rechnung, erzählt er.

Nun wird er durch eine langwierige Erkrankung gequält, musste bereits mehrfach in Duisburg operiert werden. Und die Sache ist noch nicht ausgestanden. Krank und ohne Arbeit und Perspektive zu sein, ist bitter für ihn.

Verwandten, die als Kriegsflüchtlinge in Österreich Aufnahme fanden, geht es viel besser. Längst sind sie auch Dank der Behörden dort assimiliert, darf der Bruder zum Beispiel dort arbeiten.

Bald kommt Besuch aus der Alpenrepublik, während der „deutschen” Familie Dudakovic Reisen versagt bleibt. Gemäß Asylbewerberleistungsgesetz bezieht die Familie im Monat 640 Euro, wovon sie gut 90 Euro an die Stadt Jülich abführen muss.

Das ist sehr wenig, liegt 20 Prozent unter der Sozialhilfe, wie Betreuerin Almut Wagner erzählt. Die Familie gehört zu ihrer Klientel.

Wagner betreut im Auftrag der Stadt vorrangig Frauen in den Übergangsheimen. Sie ist überzeugt, dass sich die bosnische Familie in den „deutschen Alltag und das Arbeitsleben” einfügen würde, wenn man sie ließe. Ihre Meinung: „Wen man länger als drei Jahre duldet, den sollte man auch eine Wohnung außerhalb des Heimes anbieten.”