Jülich: Theaterensemble taucht in gesellschaftliche und persönliche Abgründe

Jülich: Theaterensemble taucht in gesellschaftliche und persönliche Abgründe

Der Inhalt des Theaterstückes von Nis-Momme Stockmann erscheint zunächst recht biographisch normal. Ein Mann in den Dreißigern kehrt in seinen Heimatort zurück. Er begegnet seinem besten Jugendfreund Mirko, der als psychisches und körperliches Wrack nur noch durch seine wachen Augen und seine keuchende Atmung Leben signalisiert.

Seine schwangere Frau, schwer von ihren Lebensumständen gezeichnet, pflegt ihn mit stoischer Gleichgültigkeit. Sie war die Jugendliebe des Heimkehrers. Die Menschen seiner Jugendzeit haben sich verändert, wie auch die Region einen Strukturwandel durchlief. Ein Werk, das Arbeit bot, wurde geschlossen. Der Bau der Autobahn dominiert die Region. Auch die Geschäfte des Heimkehrers führen den Niedergang des Heimatortes herbei. Trotz aller Widrigkeiten bleibt der Mann.

In einem puristischen Bühnenbild, das lediglich einen Raum darstellt, mit einer perfekten Ton- und Videotechnik werden Orte symbolisierend dargestellt und die tiefen Abgründe des menschlichen Lebens verdeutlicht. Die Person des Heimkehrers wird von drei Schauspielern im Wechsel gespielt. Emotionen, Rückblicke, Handlungen werden wie Spielbälle zugeworfen. Eine neue, avantgardistische Art, die vielen Facetten einer Persönlichkeit darzustellen.

Die Fülle der angeschnittenen Themenbereiche stellt die Zuschauer jedoch vor eine große Herausforderung. Psychische Schäden durch Mobbing, Bandenkriege, soziale Probleme durch Strukturwandel, Krankheit, Perspektivlosigkeit, Vergänglichkeit, Sinnlosigkeit...

Viele schwerwiegende menschliche und gesellschaftliche Probleme tauchten auf, wurden aber nur angerissen. Sie zu verdeutlichen bediente sich der Autor häufig der Fäkalsprache. Durchaus ein legitimes, wenn auch drastisches Mittel.

Die Frage bleibt nur offen, ob dieses Element durch seine wiederholte Verwendung noch zielgreifend und nicht eher abgegriffen war. Musik- und Geräuschelemente versinnbildlichten Befindlichkeiten, Visionen und dramatisierten Krisenmomente.

Fragen blieben offen. Die schnell wechselnden Szenen und oft zusammenhanglos scheinenden Elemente waren verwirrend. Die häufig gestellte Frage „Schwangerschaft oder Tumor“ lässt vielleicht am ehesten die Intention des Stückes, die Abgründe des menschlichen Lebens klar werden.

Das Schauspielerteam Jean Marie Baeck, Jonas Baeck, Marius Bechen und Lisa Bihl spielte mit bewundernswertem Enthusiasmus und meisterte die großen Anforderungen des Stoffes und der Regie mit Bravour.

Die Aufführung in der Jülicher Stadthalle hinterließ jedoch trotz des freundlichen Applauses gemischte Gefühle. Die Auseinandersetzung mit diesem Theaterstück ist natürlich zwingend nötig und bietet interessante Ansatzpunkte und Diskussionsstoff. Aber — über Geschmack lässt sich immer noch streiten.