Jülich: Starben 85 Jülicher „Werwölfinnen“ im Feuer?

Jülich: Starben 85 Jülicher „Werwölfinnen“ im Feuer?

Sind 85 „Wolfsmenschen weiblichen Geschlechts“ in Jülich im Jahre 1591 „mit dem Fewer gestrafft“, also auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden? Das legt ein Flugblatt nahe, das ein gewisser Georg Kreß damals in Augsburg in Druck gegeben hat. Ein Hinweis auf das Flugblatt findet sich in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“.

Unter dem Titel „Teuflischer Beischlaf“ werden darin die Forschungsergebnisse des Kieler Geschichtswissenschaftlers Dr. Rolf Schulten referiert. Der Spezialist für die Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit in Europa hat erforscht, wie es zu Beginn der Neuzeit zur Verfolgung von Frauen im Osten Frankreichs als Werwölfinnen kam. In dem Zusammenhang wird die Parallele zu besagtem Flugblatt gezogen, das „allen frommen Frawen und Mägden zur Warnung und Exempel“ dienen sollte, wie der Verfasser des Pamphletes mahnt.

„Erschröckliche vnd zuvor nie erhorte Zeitung“ war das Flugblatt 1591 überschrieben, das über die Verbrennung von 85 Werwölfinnen zu Jülich berichtet.

Dr. Horst Dinstühler, Leiter des Jülicher Stadtarchivs, ist das über 400 Jahre alte Flugblatt ebenfalls bekannt, das etwa im Buch „Hexen-Bilder“ des Rechtshistorikers Wolfgang Schild abgebildet ist, der oft Themen der Hexenforschung behandelt. Dinstühler hat umfangreiche Recherchen angestellt, bevor er sich in seinem Buch „Itzo redt sie mitt dem teuffell“ mit Hexenglauben und Lynchjustiz in Jülich beschäftigt hat.

Die Veröffentlichung ist 2006 als Band 43 des Forums Jülicher Geschichte der Joseph-Kuhl-Gesellschaft erschienen. Der Stadtarchivar schließt sich zwar der von Fridrich Lau veröffentlichten Auffassung an, dass Jülichs Wahrzeichen, der Hexenturm, dazu diente, verdächtigte Frauen einzukerkern und dort auch zu foltern, mag sich jedoch aufgrund der Aktenlage nicht der Einschätzung anschließen, dass tatsächlich eine große Zahl von Werwolfhexen im früheren Herzogtum Jülich verbrannt worden ist.

Mit Blick auf das Flugblatt argumentiert Jurist Schild ähnlich: „Glaubwürigkeit bedeutet nicht auch Wiedergabe der Wahrheit“, schreibt er. „Es war durchaus möglich, von erschrecklichen Ereignissen zu berichten, die man gut für möglich hielt, auch wenn sie in dieser Weise nicht tatsächlich passiert waren.“

Ein offensichtliches Beispiel dafür sei besagtes Flugblatt, das sich recht reißerisch mit dem mörderischen Treiben weiblicher Hexen in Jülich befasste. Dargestellt wird die Verwandlung der Frauen in Wölfe, der Überfall auf Menschen durch diese Ungeheuer, ein Sabbat mit dem Teufel in der Mitte — einmal alle mit Wolfshäuptern, dann als Menschen bzw. Teufel — schließlich die Hinrichtung.

„Flugschriften verkauften sich besser mit Sex and Crime“, sagt dazu der Jülicher Historiker Guido von Büren. Das hätten die Menschen auch im 16. Jahrhundert schon gewusst.

Da in den Archiven keine Hinweise auf eine solche Begebenheit oder gar ein gerichtliches Verfahren zu finden sind, schließt Rechtshistoriker Schulten, dass das Flugblatt eher von der 1589 erfolgten Hinrichtung des als Werwolf verurteilten Bauern Peter Stump aus Bedburg „inspiriert“ wurde, die damals großes Aufsehen erregte. So habe auch das in Augsburg gedruckte „Jülicher“ Flugblatt eine gewisse Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen können.

Von einem „Beitrag zur rheinischen Sagengeschichte“ schreibt der aus Koslar stammende Journalist und Schriftsteller Dr. Heinrich Oellers 1927 in den Aachener Beiträgen zur Heimatkunde. Oellers hatte das Flugblatt als wissbegieriger Student zufällig im Frühjahr 1909 zwischen Folter- und Strafwerkzeugen im Bayerischen Nationalmuseum München entdeckt und eine Fotographie anfertigen lassen, die später im Jülicher Museum im Hexenturm aufgehängt wurde. Zudem hat er den kompletten, in Knittelversen gedichteten Text der Schrift transkribiert, die er um weitere, damals weithin bekannte rheinische Werwolfsagen ergänzt hat.

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