Jülich: Stadtwerke Jülich im Wandel: Aus Kunden werden Produzenten

Jülich: Stadtwerke Jülich im Wandel: Aus Kunden werden Produzenten

„Energiewende? Warum heißt das eigentlich Energiewende“, fragt Grit Köhler, die Vertriebs- und Marketingleiterin bei den Stadtwerken Jülich. „Wir machen keine Wende, weil wir nicht zurückgehen. Wir gehen jedoch in eine andere Richtung“, stellt sie fest. Wie viele andere Energieversorger gehen die Stadtwerke Jülich neue Wege, um sich für die Zukunft aufzustellen.

Die Entwicklung geht vom „Nur-Energie-Lieferanten“ hin zum Dienstleister für individuelle Lösungen. „Für die nächsten drei bis fünf Jahre lässt sich dazu seriös planen“, erläutert Geschäftsführer Ulf Kamburg. „Länger nicht.“ Denn insbesondere die bundespolitischen Rahmenbedingungen ändern sich einfach zu schnell.

Wohin diese Wege im Endeffekt ganz genau führen, darauf hätte Geschäftsführer Ulf Kamburg — wie viele seiner Kollegen — gern eine Antwort. „Ich nehme nicht für mich in Anspruch, voraussagen zu können, wie unser Geschäft in zehn Jahren aussieht.“ Die Tendenz ist jedoch klar. „Es wird kleinteiliger, dezentraler, technik-affiner und innovativer.“

Früher war das ganz anders. Es gab keinen Wettbewerb: Der Energieversorger hat geliefert und der Abnehmer hat verbraucht und bezahlt. Kunden werden nun selbst Energieproduzenten. Beispielhaft erwähnt Kamburg Photovoltaik-Anlagen, Blockheizkraftwerke und (BHKW) künftig auch Speichernutzungen.

Kunden sollen die Stadtwerke Jülich als ihren Energieversorger und Dienstleister sehen, den man fragen und hinterfragen soll. „Wir sind auf dem Weg von der alten in die neue Welt, was eine große Herausforderung ist“, erläutern die beiden. Auch technisch stellen sich heute ganz andere Anforderungen an die Branche. Das Netz wird intelligenter.

Das heißt, eine neue Steuertechnik muss her, damit der Strom in beide Richtungen fließen kann: zum Kunden hin und vom produzierenden Kunden weg. „Wir sind da mitten in einem Transformationsprozess“, sagt Kamburg. „Es gibt Hunderte Verteilerschränke, die künftig gegebenenfalls steuerbar sein müssen, um Lastflüsse optimal zu regeln. Die tauschen wir nicht mal eben so aus.“

Weniger von der Stange

Schon vor dem Atomausstieg und der Energiewende hat eine Entwicklung eingesetzt, die kurz mit dem Wort „Wandel“ umschrieben werden kann. Kunden achten heute zunehmend auf effiziente und ökologische Energieanwendung. Dazu kommt die allgemeine Entwicklung des demographischen Wandels und des geringeren Wärmebedarfs — wir werden weniger und wir dämmen und bauen besser. „Ganz natürlich geht uns da Umsatz verloren“, sagt Kamburg. Stadtwerke können künftig nicht mehr ausschließlich von ihrem bisherigen Kerngeschäft leben.

„Wir sind vom Lieferanten zum Dienstleister geworden“, sagt Köhler. „Wir helfen dem Kunden, mit vielfältigen Beratungsangeboten und Förderprogrammen zu sparen. Aber auch die Entwicklung von Nah- und Fernwärme sehen wir als strategisches Feld.“ Generationsunabhängig fragen Kunden solche Themen mittlerweile nach, die jüngeren erwarten ganz selbstverständlich auch technische Innovationen.

„Die Kunden legen Wert auf maßgeschneiderte Lösungen“, erklärt Grit Köhler. „Sie wollen morgens warm duschen, ihr Elektroauto mit Eigenstrom vom Dach aufgeladen vor der Tür stehen haben und von der Arbeit aus mit dem Smartphone die Heizung steuern, damit es bei der Rückkehr auch warm ist. Und wir wollen das zukünftig alles organisieren.“ Die Angebote von der Stange werden weniger.

Und seit die Kunden mitreden beim Thema Energie und sich selbst in der Erzeugung engagieren, ist der persönliche Kontakt noch wichtiger geworden. Deswegen sei es — so Kamburg — umso bedeutender, als Unternehmen lokal vor Ort Kompetenzen zu haben. Mehr als einer, der lediglich die Zählerstände abliest und ansonsten nur zum Kunden geht, wenn etwas nicht stimmt.

Es gibt Geschäftsfelder, auf denen sich die Stadtwerke aktuell noch gar nicht tummeln, die aber in drei, vier Jahren Thema sein können. Beispielsweise die Internetversorgung über Glasfaserkabel. Schon heute bieten die Stadtwerke Jülich neben Energie, Wasser und Wärme im Neubaugebiet Ölmühle auch ein schnelles Glasfasernetz.

„Die Frage für die nähere Zukunft ist dann, was wir allein machen und wofür wir uns Partner suchen“, sagt Kamburg. Für Felder, wie beispielsweise IT und Beschaffung, arbeiten die Stadtwerke bereits mit zuverlässigen Kooperationspartnern zusammen. „Die Komplexität unseres Geschäftes erfordert bereits heute ein gutes und belastbares Netzwerk, das zukünftig eher wachsen wird. Es ist eine spannende Herausforderung, die richtigen Wege und Partner zu finden“, ergänzt Grit Köhler.

Kamburg blickt mit Stolz auf die lange Tradition: „Wir sind seit 100 Jahren an diesem Standort Ansprechpartner für Energie, Wasser und mehr. Und wir werden dafür sorgen, dass das so bleibt.“

(jan)