St. Gereon Seniorendienste gehen Pflegenotstand an

Pflegenotstand angehen : „Bei Anruf Ausbildung“ wirkt bereits

Neue Ideen gegen den Pflegenotstand: Probleme bei Suche nach Fachkräften sind bei den St. Gereon Seniorendiensten passé. Sie haben die Gewinnung von Auszubildenden völlig neu gedacht und waren erfolgreich.

In der Liste von Traumberufen ist die Altenpflege eher auf den hinteren Rängen zu finden. Die Arbeit empfinden viele als wenig attraktiv, sie ist körperlich anspruchsvoll, die Bezahlung wenig berauschend – die Folge ist der Pflegenotstand, der in Deutschland allerorten beklagt wird.

Bei den St. Gereon Seniorendienste gemeinnützige GmbH, die  ambulante und stationäre Einrichtungen der Altenpflege in den Kreisen Düren und Heinsberg sowie in der Städteregion betreibt, darunter das Christinenstift (54 Plätze) und Haus Schunck (11) in Linnich-Gereonsweiler, ist die Gewinnung von Auszubildenden völlig neu gedacht worden. Bis vor fünf Jahren, berichtet Geschäftsführer Bernd Bogert, hätte das Unternehmen etwa 30 bis 40 Auszubildende gehabt, die ihnen zuvor von den Kostenträgern genehmigt werden mussten. Dann habe es in NRW den Wandel zu einer umlagefinanzierten Ausbildung gegeben: Jede Einrichtung der Altenpflege zahlt je nach Umsatz in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem die Ausbildung finanziert wird.

Bogert, der bei einer kirchlichen Einrichtung beschäftigt ist, sah durch diese Änderung die Chance, „Menschen mit Ausbildungshemnissen eine sehr gute Perspektive zu bieten“. Die Folge war der Slogan „Bei Anruf Ausbildung“, der den Zugang zu einer Ausbildungsstelle radikal vereinfacht hat. Sofern die Voraussetzungen laut Altenpflegegesetz erfüllt sind – Hauptschulabschluss, Mindestalter 16 Jahre und keine Vorstrafen – steht dem Abschluss eines Vertrages für die dreijährige duale Ausbildung nichts im Wege.

„Wir wollen einen barrierefreien Zugang zum Beruf des Altenpflegers ermöglichen“, der in sechs Wochen Theorie zum Start und anschließender Praxis in den Senioreneinrichtungen vermittelt wird. Die nächsten Kurse, die das Institut für Pflege und Soziales in Heinsberg und Max Q (Maximale Qualität) anbieten, eine Bildungseinrichtung des DGB, beginnen am 1. September und 1. Oktober.

Dabei müssen es noch nicht einmal Sonderwege sein, mit denen Einrichtungen dem Pflegenotstand begegnen. So hat zum Beispiel das Krankenhaus Düren vor einigen Jahren Kurse zur Teilzeitausbildung im Bereich der Krankenpflege eingeführt, die sich gezielt an Alleinerziehende richten. Ein weiteres Angebot ist ein zusätzlicher Ausbildungsbeginn zum 1. November, gedacht unter anderem für Abiturienten, die ihr Studium aufgeben und eine Ausbildung suchen. In Düren hat man mit solchen Projekten gute Erfahrungen gesammelt und stellt sich im Verbund mit der LVR-Klinik im Bereich der Ausbildung komplett neu auf: Im kommenden Jahr soll eine gemeinsame Krankenpflegeschule in Betrieb gehen, um den Bedarf im Pflegebereich decken zu können.

Bernd Bogert, Geschäftsführer der St. Gereon Seniorendienste gGmbH. Foto: Wolters

Der Erfolg seines neuen Modells gibt auch Bernd Bogert Recht: Von den rund 550 Beschäftigten der sind allein etwa 230 Auszubildende. „Dadurch geht es den Bewohnern unserer Einrichtungen nicht schlechter“, sagt der Geschäftsführer. Obwohl der Ansatz mit dem freien Zugang zur Ausbildung von benachbarten Einrichtungen teilweise mit Naserümpfen oder Anfeindungen begleitet worden sei, habe die Initiative Schule gemacht, berichtet der 67-Jährige. Die Folge: Während es im Kreis Heinsberg etwa 900 Azubis in der Altenpflege gebe, seien es in Mönchengladbach, das ähnlich strukturiert sei und etwa die gleiche Einwohnerzahl habe, nur 120.

Die hohe Zahl der Auszubildenden führt dazu, dass der Träger keine Probleme mit examinierten Fachkräften hat  auch wenn rund 20 Prozent der Azubis ihre Ausbildung nicht durchhalten. Um für das Berufsfeld Altenpflege zusätzlich die Werbetrommel zu rühren, gehen die Azubis auch in Schulen, um über ihre Tätigkeit zu berichten und für Schülerpraktika zu werben. „Wir sind die einzigen, die das machen“, sieht Bernd Bogert auch hier Nachholbedarf.

Wie schwierig die Situation in der Pflege ist, macht eine andere Zahl deutlich: Wer auf der Internetseite der Bundesagentur für Arbeit nach einer Ausbildungsstelle in der Altenpflege im Umkreis von 40 Kilometern rund um Jülich sucht, der bekam gestern Mittag 129 offene Stellen angezeigt. Teilweise suchten die Unternehmen schon seit über einem Jahr. Die überwiegende Zahl der Stellen ist kurzfristig, also zum 1. August oder 1. September, zu besetzen.

Jens Ofiera, Sprecher des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe (VDAB), einer Unternehmervertretung mit bundesweit rund 1600 Mitgliedern, sieht immer noch ein „grundsätzliches Problem, junge Menschen für die Pflege zu begeistern“. Dazu gehöre natürlich die Frage der Bezahlung, aber auch Arbeitsbedingungen mit Schichtdiensten und Wochenendarbeit. Immerhin sei die Zeit, in der Nachwuchskräfte für die Ausbildung auch noch zahlen müssten, mittlerweile vorbei. Auch in der Politik sei erkannt worden, dass etwas passieren müsse. So werde etwa in Pflegeschulen – der VDAB betreibt unter anderem eine in Zülpich – investiert.

(ahw/tp/bugi)
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