VHS Jülicher Land: Sprache als Chance für Neuanfang

VHS Jülicher Land : Sprache als Chance für Neuanfang

Seit Mai begleitet unsere Zeitung einen Deutsch-Kurs der VHS. 25 Kursteilnehmer pauken sieben Monate lang für ihre Prüfung. Damit verbinden sie große Hoffnungen.

In einer Sprache zu kommunizieren kann verschiedene Qualitätsstufen aufzeigen. Da gibt es unter anderem die Alltags- und Umgangssprache, den Straßenjargon, den Dialekt, die gehobene und die literarische Sprache.

An der Volkshochschule Jülicher Land (VHS) wird der Sprachunterricht für Nichtdeutsche in sechs Niveaustufen unterteilt. Das Lehrprogramm „Berufsbezogene Deutschsprachförderung“ ermöglicht, ein staatlich anerkanntes Zertifikat der vierten Niveaustufe (B2) zu erreichen. Für 25 Teilnehmer heißt es dafür seit Mai, nochmals sieben Monate die Schulbank zu drücken.

„Meistens stellen die Teilnehmer schnell fest, dass der B2-Kurs eine ganz schön hohe Stufe bedeutet“, erläutert die VHS-Leiterin Claudia Schotte. „Wir bewegen uns hier sprachlich auf einem von der Alltagssprache deutlich abgehobenen Niveau“.  Kompetent, im korrekten Satzbau ohne grammatikalische Fehler und mit vielfältigem Wortschatz werden Themenbereiche diskutiert, die in den Integrationskursen irrelevant waren.

Junfei Jia aus China ist promovierte Nanobiophysikerin. In dem Kurs wolle sie „ihre Grammatik- und Schriftkenntnisse verbessern“, teilte sie unserer Redaktion im Mai mit. Sichtlich erfreut erzählt sie jetzt von einem Elternabend an der Grundschule ihrer Tochter. „Es war viel einfacher, mit anderen Eltern und den Lehrern zu reden“, erklärt sie, „doch das Schreiben im gehobenen Deutsch fällt mir schwer“. Eine wissenschaftliche Arbeit traut sie sich nach der B2-Prüfung noch nicht zu. „Vielleicht reicht es aber zunächst für eine Stelle im kaufmännischen Bereich“.

Georgia Trantou, eine Geologin aus Athen, kann ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt jetzt ebenfalls besser einschätzen. „In meinem Bereich werde ich wahrscheinlich noch den C1-Abschluß brauchen“, vermutet sie, „übergangsweise versuche ich, einen Job in der Gastronomie zu finden“.

Sayed Sadat hat den Kurs inzwischen abgebrochen. Der studierte Informatiker aus Kabul ist aufgrund persönlicher Bindungen und eines Stellenangebots nach Marburg gezogen.

Das Schriftdeutsch findet der aus Dublin stammende Shane O`Donovan nicht einfach, doch noch wesentlich komplizierter sei die deutsche Grammatik. Jeden Mittwoch wird deswegen zusätzlich in einer internationalen Konversationsgruppe daran gefeilt. Seine Chancen, eine Arbeit im administrativen Bereich zu bekommen, habe der Kurs „ jetzt schon erheblich gesteigert“.

Voller Sorgen um die Zukunft ist Saleh Mofleh aus Syrien.  Bevor seine Aufenthaltsgenehmigung im nächsten Jahr abläuft, muss er einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden. „Der Kurs hat mein Vokabular erweitert“, sagt er, „doch der Versuch, in meinen Beruf als Verkaufsleiter einzusteigen, wird an der Kürze der Zeit scheitern“. Deshalb machte er in den Ferien ein Praktikum als Altenpfleger. Dem Ausbildungsplatz steht jedoch das seit Monaten laufende Anerkennungsverfahren seiner Zeugnisse im Wege. „Unser Haus in Damaskus wurde zerbombt“, erklärt er, „das Auto und meinen Laden habe ich verkauft, um mit der Familie nach Deutschland zu flüchten. Jetzt habe ich Angst um die Zukunft meiner Kinder“.

Die Ukrainerin Oksana Schoppe-Olepir ist Mathe- und Physiklehrerin.  Seit einem Jahr lebt sie in Jülich und möchte ihren Beruf auch in Deutschland ausüben. Dafür braucht sie das höchste C2-Prädikat. „Mein Mann ist Deutscher und ich lerne auch zu Hause“, sagt sie, „doch im Kurs wird die Grammatik verständlich erklärt und ich kann alles nachfragen“.

Die Dozenten Helmut Kleinbauer und Anita Jelić sehen sich selbst als Betreuer und Begleiter. „Unsere Aufgabe wird nicht nur mit dem Deutschunterricht abgehakt“, erklärt Kleinbauer. Geholfen wird in Verwaltungsfragen und bei Problemen des Alltags. „Der Austausch mit Menschen aus so vielen Nationen bereichert uns“, versichert Jelić, „wir lernen auch von ihnen“. Sie und ihr Lehrerkollege sehen die Chancen auf eine bestandene Prüfung bei 75 Prozent ihrer „Studenten“. „Es ist eine sehr vorsichtige Schätzung und nach oben offen“, betont Kleinbauer. Wie die Teilnehmer ihre Chancen selbst einschätzen, fragen wir unmittelbar vor der Prüfung im Dezember nach.

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