Rolf Peter Gawel aus Niederzier ist ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger

Auszeichnung mit dem Rheinlandtaler : Niederzierer hat schon 18.000 Geschichtszeugnisse gefunden

Als Rolf Peter Gawel 2002 von RWE in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, dauerte es nicht lange, bis der Mann aus Niederzier vollkommen vom Weg abgekommen war.

„Jedenfalls kann man nicht normal mit ihm spazieren gehen“, berichtet Gawels Frau Ulrike. Ständig sei ihr Mann auf Abwegen unterwegs. Er läuft vor allem über Äcker. „Da findet er Sachen, die für mich nur nach Geröll aussehen“, sagt sie und beide lachen, als sie hinzufügt: „Wir sind heute steinreich.“

Was Gawel vom Weg abgebracht hat, ist die Leidenschaft für die Bodendenkmalpflege, die er vor über 15 Jahren für sich entdeckte. Über 18.000 historische Funde hat Gawel bisher gemacht und in einer Datenbank erfasst. Wegen dieser Leidenschaft zeichnet der Landschaftsverband Rheinland den heute 68-Jährigen mit dem sogenannten Rheinlandtaler für Verdienste um die regionale Kultur und Geschichte aus. Der zweite Preisträger 2019 aus dem Kreis Düren ist der Jülicher Historiker Guido von Büren.

Gawel ist Laie auf dem Gebiet seiner abwegigen Leidenschaft. Er ist studierter Elektro-Ingenieur, früher habe er mit Archäologie nichts zu tun gehabt. „Nach dem Vorruhestand brauchte ich was Neues“, erklärt er, warum er auf der Suche nach einem zeitintensiven Hobby war. Das ist es bis heute, ein Hobby. Aber eines, dass der Niederzierer so ambitioniert betreibt, dass Wissenschaftler auf seine Arbeit zurückgreifen.

Vorgeschichtliche Funde

Gawel, der sich selbst als ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger bezeichnet, hat so viele Funde gemacht, dass es möglich ist, nachzuempfinden, wann welche Populationen wo gelebt haben. Der Großteil seiner Funde stammt aus den Bereichen zwischen Hambach und dem Forschungszentrum Jülich sowie zwischen Jülich und den Stadtteilen Welldorf und Güsten. Das Meiste, was er bei seinen Streifzügen findet, sind vorgeschichtliche Funde.

Das bedeutet, dass die Funde aus einer Zeit stammen, für die es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, also aus der Zeit, bevor die Römer sich in Germanien niedergelassen haben. „Die meisten Funde sind Steinartefakte. Die halten sich am besten“, sagt Gawel. Tongefäße beispielsweise gingen zu Bruch, wenn die Äcker heute umgepflügt werden. Genau in der Zeit, wenn die Äcker bearbeitet werden, findet Gawel besonders viel, weil immer neue Funde an die Oberfläche gespült werden.

Die Rurrandverwerfung

Oft sind das beispielsweise Pfeilbewährungen, also Spitzen aus Feuerstein, die mit Birkenpech als eine Art Widerhaken seitlich an Pfeilen angebracht waren. Funde aus Feuerstein macht Gawel oft, immer entlang der sogenannten Rurrandverwerfung. Die sieht man beispielsweise zwischen Hambach und Jülich und zwischen Jülich und Stetternich ganz deutlich, wenn das Höhenniveau in Richtung Westen schlagartig um einige Meter abfällt.

Das ist ein Hinweis auf einen Bruch in der Rurscholle, einen sogenannten Schollensprung. Der östliche Teil der Scholle ist höher als der westliche. An diesen Bruchstellen kam Feuerstein zum Vorschein. Der ist von der Ur-Maas ins Jülicher Land gespült worden, eine Millionen Jahre könnte das her sein. Das Feuersteinvorkommen reicht bis Hambach, danach reißt es in Richtung Düren ab. Die Jäger und Sammler haben sich gerne entlang der Verwerfung niedergelassen, des Feuersteins halber. Deswegen liegen Gawels ergiebigste Fundstellen auch von Hambach aus in Richtung Jülich.

Foto: ZVA-Infografik

Anhand seiner Funde kann Gawel auch eine Revolution in der Jungsteinzeit nachvollziehen. Die sogenannten Bandkeramiker bevölkerten auch das Rheinland, und zwar da, wo die Böden so fruchtbar sind wie in der Jülicher Börde. Sie heißen Bandkeramiker, weil ihre Keramikgefäße mit Linien verziert waren, die Bändern glichen. „Das, was damals passiert ist, war eine der größten Leistung in der Menschheitsgeschichte“, sagt Gawel. Die Bandkeramiker hätten es innerhalb von 100 Jahren geschafft, sich vom heutigen Rumänien und der Ukraine aus bis ins Pariser Becken auszubreiten. Die Jäger und Sammler zogen als Nomaden umher, die Bandkeramiker waren die ersten Bauern, die hier sesshaft wurden und eine systematische Landwirtschaft betrieben haben.

Steinzeitliches Statussymbol

Aus dieser Epoche stammt einer der spannendsten Funde, die Gawel in jüngster Zeit gemacht hat, irgendwo zwischen Jülich und Welldorf. Eine sogenannte Scheibenkeule, ein rund geschliffener und verzierter Stein mit einem Loch in der Mitte, die vermutlich eine Art Statussymbol für einen Oberen war. „Eine solche Scheibenkeule ist im Rheinland bisher vielleicht fünfmal gefunden worden“, berichtet der 68-Jährige stolz.

Ein seltener Fund: eine sogenannte Scheibenkeule. Foto: Guido Jansen

Mit dem Fund hat er getan, was er vorher schon 18.000 Mal getan hat. Er hat die GPS-Koordinaten der Fundstelle in die Datenbank eingetragen und den Eintrag mit Fotos und weiteren Angaben versehen. „Das ist fast so was wie eine Vollzeitbeschäftigung“, sagt er. Unter drei gefundenen Bodenschätzen komme er von keinem täglichen Spaziergang zurück, das Eintragen in die Datenbank dauere Stunden.

Behalten kann Gawel seine Funde nicht. Das regelt das sogenannte Schatzregal, das besagt, dass herrenlose Bodenfunde dem Land gehören. Also schickt der Niederzierer seine Funde einmal im Jahr an den Landschaftsverband Rheinland. Für diese Arbeit wird er mit dem LVR-Rheinlandtaler ausgezeichnet. Rolf Peter Gawel erhält mit seiner ehrenamtlichen Fast-Vollzeitbeschäftigung aber noch mehr, wie er sagt. „Das beschert einem schon Glücksgefühle, wenn man alleine unterwegs ist, die Lärchen singen hört, viel Zeit hat, über sich und die Welt nachzudenken und dann Dinge findet, die etwas über eine längst vergangene Zeit erzählen.“

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