Rödingen: Rödingen war im Mittelalter eine kleine Insel im Wald

Rödingen : Rödingen war im Mittelalter eine kleine Insel im Wald

Im Mittelalter waren Prozesse gegen Tiere gängige Praxis. Sie konnten verurteilt, mit dem „kirchlichen Bannfluch“ belegt, aber auch heilig gesprochen werden. Es kam angeblich auch vor, dass Sodomisten zum Tode verurteilt und Vierbeiner „unbefleckt in die Freiheit entlassen“ wurden.

Die überraschend vielen Besucher, die bei sommerlicher Hitze der Einladung der „Rödinger Historetten“ zur Vorstellung ihres Sonderheftes „Das Dorf Rödingen im Mittelalter“ in die Alte Schule gefolgt waren, erlebten einen informativen und abwechslungsreichen Abend und hörten mitunter Überraschendes.

Franz-Felix Schüller hat alle bisherigen Forschungen zum Thema zusammengetragen: „Das Mittelalter war kein dunkler Zeitraum“, im Gegenteil sei „unheimlich viel erhalten“. So seien 40 Seiten für die als Heft geplante Sonderausgabe eine Herausforderung gewesen. 150 bis 200 Seiten zu füllen, wäre kein Problem gewesen.

Das Themenheft ist eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte Rödingens im Mittelalter inklusive einer Rödinger Zeittafel mit 52 Ereignissen mit Jahresangabe. Sie beginnt mit der ersten Erwähnung der „Villa Hrodinga“ in einer Urkunde der Abtei Prüm am 7. Mai 846 und endet am 14. Oktober 1507 mit dem Tod des Rödinger „Magisters“ Everhardus Kulartz, der wahrscheinlich schon Lehrer an der Alten Schule war. Die Chronologie erstellte Hans Bert Cremer. Gleichzeitig ist er mit seinen treffenden colorierten Illustrationen ein würdiger Nachfolger von Paul Karge, der das nicht mehr leisten könne.

Zur inspirierenden Einstimmung ins Thema dient ein kurzes Kapitel mit der Überschrift „Plaudereien am Küchentisch“. Wie der Titel vermuten lässt, liegen dem Kapitel Diskussionen der Redaktionsmitglieder über Fragen wie: „Ging die Dorfgründung von der Villa Hrodinga aus, dem Krongut fränkischer Könige?“ „Nein“, beantwortete Schüller die Frage.

„Die Villa Hrodinga war nur Namensgeber. Dort wohnten nur Leibeigene. Freie Menschen mussten das Dorf gründen“. Rödingen war im Mittelalter eine kleine „Insel mitten im Wald“. Der Kern des bäuerlichen Dorfes „in der Moel“ (Senke) befindet sich noch heute in original mittelalterlicher Lage. Er bestand mit Sicherheit aus der Kirchstraße (heute Kornelius­straße), dem Viehmarkt — damit ist der obere Teil des Marktes um das Korneliuskapellchen gemeint —, der Judengasse (heute Klosterstraße und Agricolastraße) und wahrscheinlich dem St. Nicolai End (heute Klasend).

Zu Rödingen gehörten die zwölf Ortschaften Bettenhoven, Einhaus, Giersdorf, Höllen, Lich, Paffenlich, Palmesholz, Walewig, Woestenhoff, Steinstraß, Kalrath und Stertzheim. Die „Eichen“ (Grade Eiche, Krumme Eiche) waren reine Waldwege. Das Mittelalter war „ein äußerst religiöses Zeitalter, ohne den kirchlichen Segen ging gar nichts. Den Gottesfrieden zu brechen war ein Schwerverbrechen“.

So wurde, wie im Kapitel „Was ist vom Mittelalter geblieben?“ beschrieben, dass das Vieh „der größeren Sicherheit wegen nachts in Kirchen oder auf Friedhöfen untergebracht wurde“, was potentielle Diebe abschreckte.

Eine Filmvorführung krönte den Abend. Gezeigt wurde die deutsche Fassung „Pesthauch des Bösen“, das im Original „The hour of the pig“ (Die Stunde des Schweins) heißt. Ein kurioses Kriminaldrama, das die eingangs erwähnte Praxis mittelalterlicher Tierprozesse aufgreift. Ein Schwein wird als Mörder eines Kindes angeklagt...

(ptj)