Robert Bodden - als "Staatsanwalt vor Ort" in Jülich

Vernetzter Entscheider auf kurzen Wegen : Als „Staatsanwalt vor Ort“ ist Robert Bodden das Gesicht der Jülicher Justiz

Ein Foto von Robert Bodden muss noch her. Am besten im Gerichtssaal. Der Staatsanwalt klopft am Büro der Richterin: „Hast Du den Schlüssel?“, fragt er. Ja, hat sie. Der persönliche Kontakt ist ihm wichtig. Bodden ist seit November in dem Pilotprojekt „Staatsanwalt vor Ort“ der Mann, der der Justiz in Jülich sein Gesicht leiht.

Neben seinem Büro in Aachen hat er im Jülicher Amtsgericht ein Zimmer bezogen, den Rollkoffer gespickt mit den Akten, die er in Jülich benötigt, immer dabei. Die digitalen Akten kommen erst noch.

Diebstahl, Betrug, Raub, Untreue, Erpressung, Betäubungsmittelvergehen, Verkehrsstrafsachen – das sind nur einige der Themen, mit denen sich Bodden Tag für Tag auseinandersetzen muss. 500 bis 600 Fälle aus dem Stadtgebiet Jülich bearbeitet die Staatsanwaltschaft Aachen jedes Jahr. Bisher waren die alphabetisch sortiert auf mehrere Staatsanwälte verteilt, jetzt landen sie auf dem Tisch des Staatsanwaltes vor Ort.

Den Vorteil kann Bodden schnell erklären: „Vorher kannte man vielleicht alle Fälle mit dem Buchstaben R aus Jülich, wusste aber nicht, dass der Beschuldigte mit B aus Jülich schon mal wegen Drogenbesitzes aufgefallen ist.“ In Jülich hat Bodden alle Fälle in seiner Hand, kann auf kurzem Weg mit den Ermittlern der Polizei zusammenarbeiten, mit dem Gericht die Termine abstimmen. Den engen Kontakt schätzt er. „In Aachen haben sie mit über 300 Ermittlungsbeamten zu tun. Da hat es fast schon Seltenheitswert, wenn sie in einem Jahr öfter mit demselben Ermittler Kontakt haben.“ Das ist in Jülich anders. „Ich bin darauf angewiesen, dass die Polizei mir zuarbeitet“, erklärt Bodden. „Ich kann früher in Ermittlungen eingebunden werden und mit den Beamten ergebnisoffen diskutieren oder einfach nur erklären, warum ich mich beispielsweise für eine Hausdurchsuchung oder eine andere Maßnahme entschieden habe.“

Beide Seiten profitieren

Noch prägnanter formuliert: „Vorher hat der Ermittler eine Akte mit einer Anweisung der Staatsanwaltschaft auf den Tisch bekommen. Jetzt kann er mit mir darüber sprechen.“ Davon profitieren beide Seiten, Staatsanwaltschaft und die ermittelnde Polizei, ist Bodden überzeugt, und dass der direkte Kontakt auch Wertschätzung ihrer Arbeit verdeutlicht. Robert Bodden handhabt das sehr konsequent: „Ich hatte neulich einen Fall, in dem es um die Auswertung eines Mobiltelefons ging. Das habe ich persönlich bei den zuständigen Beamten abgegeben.“

Ein weiterer Vorteil aus seiner Sicht: Es kann helfen, Beschuldigte besser einzuschätzen. „Ich kann zu besseren Entscheidungen kommen“, ist er überzeugt. Etwa wenn es bei einer Kneipenschlägerei darum geht, wer ein glaubhafter Zeuge ist. Bodden: „Immerhin sind es die Polizeibeamten, die die ersten persönlichen Vernehmungen vornehmen und einen Eindruck von den Beteiligten gewinnen konnten.“

Hilfreich ist diese direkte Zusammenarbeit noch in einem ganz anderen Punkt. Bodden hat sich als Ziel gesetzt, die Zahl der beschleunigten Verfahren zu erhöhen. „Bei einem Ladendieb, der einen Schaden von 150 Euro verursacht, wäre es oft unverhältnismäßig, wenn dieser dafür eine Woche in Untersuchungshaft genommen würde. Wenn der Ladendieb aber noch am selben oder am Folgetag verurteilt werden könnte, bliebe er so lange in Polizeigewahrsam.“

Bodden weiß, wann die zuständige Strafrichterin am Jülicher Amtsgericht verhandelt, kann die Termine abstimmen, wenn nötig noch einen Dolmetscher organisieren, sicherstellen, dass Polizeibeamte und Zeugen vor Ort sind. Je besser er als Staatsanwalt vor Ort die Verhandlung vorbereitet, um so eher kommt er zum Ziel. „Schon Ende 2018 hat das in zwei Fällen gut funktioniert“, sagt Bodden. In einem Fall wurde ein Mann zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, der auf einer Baustelle 120 Liter Diesel gestohlen hatte und mit einem nicht angemeldeten Auto mit gestohlenen Kennzeichen unterwegs war.

Profi-Diebe dingfest machen

Im anderen Fall wurden zwei professionell vorgehende Ladendiebe verurteilt. Wichtig sind Bodden die beschleunigten Verfahren vor allem bei Delikten, die sonst auch schon mal sanktionslos bleiben, weil die Täter eben nicht in Untersuchungshaft landen und dann später nicht mehr auffindbar sind.

Aber auch bei Drogenkonsumenten hält er diese Herangehensweise für sinnvoll. „Der Betäubungsmittelkonsument handelt aus akutem Suchtdruck“, sagt er. „Zu einer schnellen Strafe zu kommen ist auch deshalb sinnvoll, weil eine gegebenenfalls zu verbüßende Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt als erste Maßnahme eine Entgiftung beinhaltet, eine Methadon-Behandlung eingeleitet werden kann und auch der geregelte Tagesablauf wieder erlernt wird.“

Der Staatsanwalt, der in seiner Freizeit gerne schon mal mit dem Mountainbike zur Sophienhöhe fährt, mit der Familie in den Brückenkopf-Park geht, ist aber nicht nur „das Gesicht der Justiz in Jülich“. Er ist vor allem nicht der, der im Zweifel aus politischen Gründen dazu beitragen soll, dass sich das Sicherheitsgefühl der Bürger positiv verändert.

„Nur weil ich hier bin, wird die Aufklärungsquote bei Straftaten nicht plötzlich besser. Aber es ist jetzt überhaupt mal ein Ansprechpartner, auch für die Opfer von Straftaten, vor Ort.“ Erst recht, wenn es ein Ansprechpartner ist, der gut vernetzt ist und auf kurzen Wegen entscheiden kann.

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