Rheinische Mundart kennt viele jiddische Wörter: Tacheles und Bammel

Rheinische Mundart : Wer Tacheles redet, hat keinen Bammel

Der „Mattes“ aus Tetz heißt hochdeutsch korrekt „Mathias“. Weiß er allerdings, dass der Name vom hebräischen „Mattithja“ abstammt? Im Personalausweis von „Omma Ännche“ steht ihr Rufname „Anna“, was dem alttestamentarischen, jüdischen „Hanna“ entspricht.

Wie die Hebräer, auch Israeliten oder Juden genannt, redeten, gelangte später ins Jiddische. Die jiddische Sprache gelang im 10. Jahrhundert mit der Zuwanderung von Juden aus Frankreich und Italien in die Orte an Rhein und Rur. Diese Menschen sprachen eine jüdische Version des Altfranzösischen – elementar beeinflusst durch das Hebräische. Als sogenannte Komponentensprache nahm das Jiddische dann Wortschatz, Grammatik und Satzbau aus der deutschen Sprache mit auf. Bis 1200 n. Chr. kann man diese Sprache als Judendeutsch bezeichnen.

Später, nach der Vertreibung der Juden infolge der Kreuzzüge und der damit verbundenen Pogrome, und der Flucht nach Osteuropa, kamen viele slawische Begriffe hinzu. Ab etwa dem 17. Jahrhundert wanderten viele jüdische Familien wieder in Richtung Westen zurück und brachten dieses Jiddisch mit. Letztlich ist das Westjiddische ein mit slawischen Sprachelementen vermischter deutscher Dialekt. Wer nicht gerade eine „Macke“ (Schaden) hat oder „meschugge“ (verrückt) ist, wird derartige Ausdrücke heute noch in jedem „Kaff“ (Dorf), in jeder „Klitsch“ (Kramladen) im Jülicher Rurgebiet sprechen hören können.

Bereits um anno 828 ist jüdisches Leben in Jülich erwähnt. Für die Jahre bis 1350 sind im Rheinland mit der Herzogstadt elf jüdische Gemeinden nachgewiesen. 1820 waren im Landkreis Jülich 471 jüdische Bürger als ansässig gemeldet. Es gab immer Perioden, in denen jiddisch und rheinisch sprechende Menschen in friedlicher Nachbarschaft zusammengelebt und sich leutselig miteinander unterhalten und verstanden haben. Die Sprachen haben sich gegenseitig beeinflusst und bis heute Spuren hinterlassen. Da die Landjuden sich meist als Vieh- und Warenhändler, Metzger, Kopfschlächter, Marktbeschicker, Hausierer oder auch Geldverleiher verdingten, schien es im Interesse der bäuerlichen Vertreter zu sein, das mysteriöse Vokabular zu verstehen.

1921 ist in einer Schrift eines Bauernvereins zu lesen: „Gar mancher hat schon bedauert, dass er das ´Judendeutsch´ nicht kennt. Wie oft kommt es vor, dass die Handelsleute beim Abschluss der Geschäfte unter sich ´mauscheln´, während der Dritte, um dessen Geld oder Ware sich das Geschäft dreht, zwar mit offenen Ohren zuhört, aber nur rätselhafte Laute vernimmt.“

Da verwundert es keineswegs, dass die christliche Bevölkerung zunächst viele Ausdrücke aus der jiddischen Händlersprache aufnahm. „Reibach machen“ bedeutet bis heute „Gewinn machen“. „Mis“ ist mies, kleinlich. Zahlungsunfähig sein, kennt jeder als „Pleite“. „Ramsch“ oder „verramschen“ heißt, wertloses Zeug verscherbeln. Wer „schachert“, der feilscht, handelt. „Schmuh“ erklärt eine faule Sache, ein krummes Ding, sogar unterschlagen. Hat man „Massel“, hat man Glück. Hingegen kann man auch vieles rheinisch „vermassele“. Bitterböse in einem „Schlamassel“ steckte das Judenvolk selbst oft genug. Verfemt, verfolgt, verbannt. Die nächsten Nachbarn spuckten dann Parolen wie „Dä beste Jüdd es ene Spetzboov“ oder „Dä beste Jüdd es ene duede Jüdd“ aus, vertrieben die Juden, ermordeten sie sogar.

Im Dritten Reich schlug die verbrecherische Nazibande unzählige Juden in die Flucht, tötete über sechs Millionen Menschen mosaischen Glaubens. Die jiddischen Redewendungen überlebten trotzdem – auch in der ripuarischen Mundart. „Du bes ene Schauter“, was vom jiddischen „Schote“ kommt, heißt: „Du bist ein Narr.“ Die Rurländer flirten nicht, sie „schäkere“ lieber. Für „lau“ bedeutet umsonst und „Moos“ ist Geld. Und kein „Stuss“ ist, wer hierzulande „Tacheles“ redet, braucht keinen „Bammel“ zu haben.

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