Jülich: Projekt „Die Euregio liest“ zu Gast in der Stadtbücherei Jülich

Jülich : Projekt „Die Euregio liest“ zu Gast in der Stadtbücherei Jülich

„Ich lese, ik lees, je lis“ sind die Erkennungsworte einer vor fünf Jahren entstandenen Initiative „Die Euregio liest“. Das aus dem Euregio-Schüler-Literaturpreis geborene Projekt sollte auch die erwachsenen Leser mit der Idee einer grenz- und sprachübergreifenden Präsentation von zeitgenössischer Literatur erreichen.

Zu Beginn der Autorenlesung in der Stadtbücherei Jülich erklärte Dr. Oliver Vogt, Geschäftsführer des Euregio-Kultur e.V., dem Publikum das Konzept der beider aufeinander abgestimmten Initiativen. Seit 18 Jahren wird in den Ländern der Euregio Maas-Rhein jährlich ein literarischer Wettbewerb ausgetragen bei dem jeweils zwei aktuelle Werke des deutschen, niederländischen bzw. flämischen und des französischen Sprachraums einer Schülerjury vorgestellt werden.

Insgesamt sechs Bücher, die auch als Übersetzungen vorliegen werden von rund 400 jungen Leuten aus 25 Schulen gelesen und diskutiert. In einem finalen Urteil werden dann ein Autor und zwei Übersetzer/innen als Preisträger des ersten dreisprachigen Literaturpreises gekürt.

Viele Patenschaften

Dem Projekt „Die Euregio liest“ stellen mittlerweile 80 Bibliotheken und Büchereien, sowie mehrere namhafte kulturtragende und sprachfördernde Institutionen die Patenschaft. „Was den älteren Schülern Freude bereitet, sie bereichert und ihren Horizont erweitert, wollen wir auch den Erwachsenen nicht vorenthalten“, pointiert Oliver Vogt das Vorhaben. So erlebte das an diesem Abend zahlreich versammelte Publikum eine Autorenlesung der besonderen Art.

Peter Terrin, ein mit dem AKO-Literaturpreis gekrönter, von den Kritikern und Lesern geschätzte flämische Schriftsteller, las aus seinem Roman „Monte Carlo“ auf Niederländisch. Ein exklusives Merkmal, der im Rahmen des Projektes angebotenen Lesungen ist deren zweisprachige Präsentation. Die Zuschauer kommen in den Genuss, dem literarischen Werk in Originalsprache zu lauschen um im nächsten Moment deren Inhalte in der Muttersprache zu erfahren.

Christiane Kuby, die den Roman ins Deutsche übersetzte, begleitet den Autor auf seinen Lesungsreisen in unserem Sprachraum. Eine für Prosawerke eher ungewöhnliche Form des Buches eignet sich ideal für dieser Art der Präsentationen. In kurzen Kapiteln verfasste Texte bilden jeweils einen Teil, einen kleinen Puzzlestein der Erzählung, der die Fantasie der Zuhörer anzuregen vermag und auf das am Ende zusammengefügte Bildnis neugierig macht.

Abwechselnd in beiden Sprachen vorgetragen, unterstreichen die Fragmente sowohl den poetischen Rhythmus als auch eine suggestive Dramatik der vom Autor gewählten Narration. Der scheinbar eindeutige Titel des Romans, „Monte Carlo“, lässt die Leser irreführend eine Geschichte aus der glamourösen Welt des kleinen Fürstentums vermuten.

Die weiße Stadt der Jachten und des Formel 1-Rennens bildet jedoch nur eine mondäne Kulisse, um die schicksalhaften Begegnungen der Protagonisten zu untermalen. Jack Preston, der begnadete Mechaniker aus einem kleinen englischen Dorf, rettet aus einem Feuerinferno beim Grand Prix 1968 einen international gefeierten Schauspielstar. Er rettet das Leben von Deedee, einer Ikone der Glanz- und Glitzerwelt und erleidet dabei selbst schwerste Verbrennungen. Das ist seine erlebte Wahrheit.

Doch der Rest der Welt glaubt, eine andere zu kennen. Der natürliche Wunsch nach Anerkennung scheint dem Protagonisten lediglich Enttäuschung und ein verstörendes Wechselbad der Gefühle zu bereiten. Seine gradlinige Weltanschauung droht von der grausamen Banalität des menschlichen Egoismus erschüttert zu werden. Jack Preston glaubt an die Gerechtigkeit, die ihm in seiner Überzeugung, von Gott und von seinen Mitmenschen zuteilwerden müsste. Wird er sie am Ende erfahren?

Rege Diskussion entflammte

Die malerische Sprache des Werkes zeichnet in jedem knapp verfassten Kapitel suggestive Bilder des Geschehens. Jeder einzelne Absatz weckt bei dem Leser eine unbändige Neugier auf den darauffolgenden Abschnitt. Die nach der Lesung entflammte rege Diskussion mit dem Publikum überzeugte alle Anwesenden vom großen Interesse am präsentierten Roman, aber auch an der innovativen Form der Präsentation. Es folgten viele Fragen und Anregungen, sowohl zum Originalwerk als auch zur angewandten Praxis bei der Übersetzungsarbeit.

Das Experiment einer zweisprachigen Lesung als Novum für die meisten Zuhörer war ein eindeutiger Erfolgt. Peter Terrin beschreibt den Entstehungsprozess seiner Geschichten als ein „organisches Wachsen“. Es fängt meistens mit einer Figur an, einer Idee, „die eine Geschichte werden will und sich in seinem Kopf einnistet“. Ein Mensch in einer Momentaufnahme seines Lebens und alles um ihn herum müssen sichtbar werden. „Je länger ich erzähle, desto mehr aus meinem Inneren fließt in die Erzählung hinein“, beschreibt Terrin seinen schöpferischen Weg.

Die Geschichte steht für ihn an erster Stelle und seine „dienende“ Rolle ist, diese für den Leser sichtbar zu machen. Der in „Monte Carlo“ angewandte nostalgische Stil ist für seine Werke nicht exemplarisch. Er findet es spannend, bei seiner Arbeit zu entdecken, dass er „noch viele andere Schriftsteller sein kann“. Seine Aussage „Bei jedem Buch, bin ich ein anderer“, dürfte die Leser nach der Kostprobe von „Monte Carlo“ auf seine weiteren Werke sehr neugierig gemacht haben.