Jülich: Prachtbau Zitadelle Jülich war lange schlecht bewaffnet

Jülich: Prachtbau Zitadelle Jülich war lange schlecht bewaffnet

Eine Festung wie die Zitadelle Jülich mit ihrem Schloss inmitten der wehrhaften Mauern war zu ihrer Entstehung natürlich immer auch ein Prachtbau und ein Statussymbol für den Bauherrn. Herzog Wilhelm V. war Mitte des 16. Jahrhunderts reich, aber nicht reich genug, um die Festung überall so zu bewaffnen, wie das Architekt Alessandro Pasqualini vorgesehen hatte.

„Er hatte definitiv nicht die finanziellen Möglichkeiten“, sagt Guido von Büren, der mit Andreas Kupka in einem Beitrag für ein neues Buch der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung interessante Quellen ausgewertet hat. Die beiden Jülicher stützen sich auf Material, das Leo Peters vor Jahren gefunden hat.

In gewisser Weise war der Jülicher Landesherr, der nie so wirklich zu den kriegslüsternen Herrschern zählte, ein „zahnloser Tiger“. Er besaß eine der modernsten Festungen seiner Zeit, aber nicht sonderlich viele Kanonen oder Geschütze. „Die unteren Kanonenhöfe waren gar nicht bestückt, sondern wurden es erst, wenn der Angreifer schon in den Gräben stand“, sagt von Büren. Das hatte zum einen finanzielle und zum anderen logistische Gründe. Im 16. Jahrhundert war die Feuerwaffenkunde noch sehr jung und keinesfalls standardisiert. Das passende Material — Pulver, Seile, Schüppen, Stopfhölzer und vor allem Kugeln unterschiedlicher Größe —vorzuhalten, machte eine enorme Lagerhaltung notwendig. Phasenweise gab es im 16. und 17. Jahrhundert dutzende verschiedener Geschütze unterschiedlicher Größe, die jeweils passende Kugeln benötigten.

Das Größte ist hierbei der in mehreren Quellen zu findende „54 Pfünder“, der aus der Zeit um 1500 stammen muss und noch Steinkugeln verschoss. Er gilt als „Dinosaurier“ dieser Waffentechnik und konnte 175 Kilogramm schwere Kugeln verschießen. Dieses Wissen haben die beiden Autoren der Auswertung der von Leo Peters gefundenen Quellen zu verdanken, denn der Historiker fand Inventarlisten für die Zitadelle für fast das gesamte 17. Jahrhundert. Diese Listen sind Dokumente einer für Jülich und seine Bevölkerung schwierigen Zeit, denn die Zitadelle war zunächst von Niederländern (1610-1622) und später von spanischen Truppen eingenommen und besetzt worden. Die Iberer blieben bis 1660 und drangsalierten die Bevölkerung. In dieser Phase hatte der Jülicher Landesherr keine Macht über seine Festung.

Die Inventarlisten zeigen auf, was an Altbestand (zum Teil aus der Zeit Wilhelm V.) noch übrig war und was dazu kam. Als die Spanier 1659 nach dem sogenannten „Pyrenäenfrieden“ die Räumung Jülichs zugesagt hatten, gab es eine grundsätzlich einfache Regelung: Waffen, die das Wappen des Herzogs trugen, mussten bleiben, die anderen sollten mitgenommen werden. Herzog Philipp Wilhelm zögerte laut Guido von Büren die Räumen der spanischen Waffen hinaus: zehn Jahre lang. In dieser Dekade musste er selbst dann nämlich nicht für die teure Bewaffnung seiner Festung sorgen.

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