Kreis Düren: Patricia Peill erobert ihren Wahlkreis zurück

Kreis Düren: Patricia Peill erobert ihren Wahlkreis zurück

Als Fred Schüller kurz vor 18 Uhr das Dürener Kreishaus betrat, hatte der SPD-Landtagskandidat aus Titz ein mulmiges Gefühl. „Ich weiß nicht so recht, was mir mein Bauch sagen will“, gestand der 49-Jährige. Als um 18 Uhr die Prognose von Infratest Dimap über die Großleinwand im Sitzungssaal flatterte und lautstarker Jubel unter den CDU-Anhängern aufbrauste, wusste er, was ihm sein Bauchgefühl hatte sagen wollen.

Gegen den Landestrend hatte Schüller schlechte Karten, den 2012 von Peter Münstermann übernommenen Wahlkreis zwischen Linnich und Vettweiß gegen Patricia Peill (CDU) zu verteidigen.

Schon mit den ersten Meldungen aus den Wahlbezirken stabilisierte sich der Vorsprung der Nörvenicherin bei rund sechs Prozentpunkten. „Das lag am Landestrend, nicht an meiner Person oder den Themen, die ich besetzt habe“, sagte Schüller. Er verließ das Dürener Kreishaus, um im Jülicher Kulturbahnhof mit den Genossen und Wahlkampfhelfern anzustoßen. Er gratulierte Peill, erkannte ihren Sieg nach einem „fairen Wahlkampf“ an, gab aber zu Protokoll, dass „wir sie an ihren Wahlversprechen messen werden“.

Noch deutlicher die Situation im Südkreis: Hier hatte der SPD-Herausforderer Cem Timirci von Beginn an nicht den Hauch einer Chance gegen den Kreuzauer CDU-Politiker Ralf Nolten. Der Dürener nahm es sportlich: „Wenn man zu einer Wahl antritt, muss man damit rechnen, dass man verliert“, sagte Timirci.

Während er schon wieder lachen konnte, saß der Stachel der Enttäuschung bei Schüller und dem SPD-Kreisvorsitzenden Dietmar Nietan tiefer, schließlich ist die Kreisdürener SPD in den kommenden fünf Jahren nicht im Landtag vertreten. „Wir müssen das Ergebnis analysieren“, betonte Nietan und warf bereits einen Blick auf die Bundestagswahl im September. Nietan, als Bundesschatzmeister Mitglied im engsten SPD-Führungszirkel, kündigte an, dass seine Partei die Zurückhaltung aufgeben und die Versäumnisse von Angela Merkel klar benennen werde. Die CDU habe den Stimmungsumschwung in NRW geschafft, in dem sie einfach nur alles schlechtgeredet habe, erklärte Nietan. Und Schüller kündigte an, dass die Kreis-Genossen sich „auch ohne Mandat in Düsseldorf Gehör verschaffen“ werden.

Strahlende Gesichter hingegen bei der CDU. Patricia Peill war „total überwältigt“. Mit einem derart deutlichen Ergebnis hatte sie nicht gerechnet, auch wenn sie — wie ihr Kollege Ralf Nolten — in den vergangenen Tagen die Wechselstimmung habe spüren können. „Die Stimmung wurde von Tag zu Tag besser“, erklärte Nolten, der mit Patricia Peill reihenweise Glückwünsche entgegennahm. Ein Eindruck, der sich auch beim CDU-Kreisvorsitzenden Thomas Rachel verfestigt hatte. „Die Leute sind auf uns zugekommen, die Wechselstimmung war spürbar.“ Patricia Peill zeigte sich dankbar. „Ich weiß, dass eine große Aufgabe auf mich wartet“, sagte die 54-Jährige.

Grüne erleiden deutliche Verluste

Und als sie erfuhr, dass sie sogar in Schüllers Heimatgemeinde Titz die Nase vorne hatte, suchte sie nach Worten. „Wow. Ich bin im Moment auf Wolke sieben.“ Als die lange Schlange an Gratulanten abgearbeitet war, fuhr auch sie nach Jülich, um zu feiern. Im Rathaus, im Zentrum des Dürener Nordkreises, den die CDU im Landtagswahlkampf 2012 an die SPD verloren hatte und jetzt zurückerobert hat.

Die Grünen, die noch vor fünf Jahren mit Sekt auf den Einzug von Gudrun Zentis in den Landtag angestoßen hatten, griffen diesmal zu Selters; zu deutlich waren die Stimmenverluste. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass wir die Fünf-Prozent-Hürde überspringen werden, aber sechs Prozent sind ein bitteres Ergebnis“, räumte die Nideggenerin ein. Mit ihrem Listenplatz 25 wäre Zentis nur dann wieder in den Landtag eingezogen, wenn ihre Partei ihr Ergebnis von 2012 hätte halten können.

Grund zum Strahlen hatte der FDP-Kreisvorsitzende Alexander Willkomm. „Mit zehn Prozent auf Landesebene hatte ich im Vorfeld schon gerechnet“, betonte der 29-Jährige. „Dass es jetzt zwölf sind, ist überwältigend.“ Kleiner Wermutstropfen: Anders als noch vor fünf Jahren, als Ingola Schmitz völlig überraschend in den Landtag einzog, wird die Kreis-FDP jetzt trotz des besten NRW-Wahlergebnisses nicht in Düsseldorf vertreten sein. Die AfD zieht erstmals in den Landtag ein, bei den Zweitstimmen liegt sie im Kreis mit 7,69 Prozentpunkten leicht unter dem Landesergebnis.

Bubenstreich

Ein wie ein Bubenstreich anmutender Vorfall ereignete sich im Wahllokal Linnich 10 in Tetz. Dort hatten Unbekannte vor Öffnung des Wahllokals einen offiziell aussehenden Aushang angebracht. Demnach würden in diesem Wahllokal keine Stimmen für die AfD angenommen. AfD-Wähler könnten ihre Stimmen am Montag im Bürgerbüro der Stadt abgeben, wo sie nachträglich in das Wahlergebnis „eingearbeitet“ würde. Ob jemand auf die fingierte Meldung hereingefallen ist, ist nicht bekannt. Die Stadt Linnich hat die Polizei eingeschaltet. Es handelt sich nach § 108a des Strafgesetzbuches um Wählertäuschung: Linnichs Wahlleiter Markus Clemens, seit 2001 im „Wahlgeschäft“, hatte so einen Vorfall noch nicht erlebt. Im Kreis Düren hat Linnich damit offenbar ein Alleinstellungsmerkmal.

(ja/jan/ojo)
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