Lucherberg: Neues Buch vorgestellt: Eine Kindheit im Dritten Reich

Lucherberg: Neues Buch vorgestellt: Eine Kindheit im Dritten Reich

Über die Zeit des Nationalsozialismus sind schon unzählige Bücher veröffentlicht worden, in der die Geschehnisse im großen Zusammenhang dargestellt worden sind. Der Autor Franz Schiffers schildert in seinem Buch „Singend woll(t)en wir marschieren in die Neue Zeit!“ die Ereignisse aus anderer Perspektive.

Er hat den Zeitraum von 1933 bis 1945 als Kind in Lucherberg erlebt und seine zahlreichen Erinnerungen an diese dunkle Epoche deutscher Geschichte aufgeschrieben. Es war ihm ein Anliegen, diese Arbeit bis zu seinem 80. Geburtstag 2012 zu vollenden. Nun hat der Geschichtsverein der Gemeinde Inden das über 200 Seiten umfassende Werk als Jahrbuch veröffentlicht. Der Autor hat es im Rahmen einer kleinen Feierstunde im Ortsgeschichtlichen Museum Lucherberg dem Publikum vorgestellt.

„Ich möchte mit meinem Buch die damalige Zeit so darstellen, wie ich es damals empfunden habe. Trotz des Krieges hat es auch ein Alltagsleben gegeben, das jeder so normal wie möglich führen wollte“, berichtete Schiffers. Vor allem sind ihm die zahlreichen Lieder in Erinnerung geblieben, die ihn durch alle Phasen seines Kinder- und Jugendlebens begleitet haben.

Hierdurch hatte er auch schnell einen Titel für sein Buch gefunden. In seiner Familie lernte er von seinen Eltern und anderen Verwandten zahlreiche Volkslieder, ab dem Kindergarten über die Volksschule bis hin zur Hitlerjugend wurden die Texte der dort gesungenen Lieder zunehmend politischer.

Die NS-Propaganda wusste die Jüngsten geschickt zu manipulieren, ohne dass es zunächst auffiel. In der Volksschule wurde beispielsweise von den Kindern das Soldatensein besungen in Vorbereitung auf einen später vorgesehenen Einsatz an der Front.

„Die Idee, meine Geschichte niederzuschreiben, hatte allerdings meine Mutter. Sie wollte, dass ich nach dem Krieg unsere Erlebnisse in Sachsen, wo wir in Evakuierung waren, und unsere Rückkehr ins Rheinland festhalte“, erzählt Schiffers weiter. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass es noch viel mehr zu berichten gab als über die Zeit nach Kriegsende.

Den Autor beschäftigte auch schnell die Frage, wie es überhaupt zu den verhängnisvollen Ereignissen jener Zeit kommen konnte. „Vieles war im Alltagsleben viel gewöhnlicher, als man es sich heute vorstellt. Man musste zur Arbeit oder Schule gehen, aber es wurde auch weiter die Post zugestellt oder der Müll abgeholt.

Die Luftangriffe spielten erst in der zweiten Kriegshälfte eine immer größere Rolle“, berichtet Schiffers. „Der Krieg war für uns Kinder auch eine Art Abenteuer und wir sind beispielsweise in die Felder gegangen, um der Flak beim Übungsschießen zuzusehen, obwohl das gefährlich und deshalb verboten war“, erinnerte er sich mit einem Schmunzeln.

In seinem Vortrag berichtete er über die Dorffeste, bei denen überall Hakenkreuzfahnen gehisst wurden oder über die Einquartierung von deutschen Soldaten vor Beginn des Westfeldzugs 1940. Sein Vater sei nicht sehr ans System angepasst gewesen und deshalb sogar im Jahr 1934 aus der NSDAP ausgeschlossen worden.

Adolf Hitler habe er als wichtige Person aus der Ferne wahrgenommen, der ähnlich wie früher der Kaiser das Sagen hatte. Den Kriegsbeginn habe niemand im Ort begrüßt, aber als es zunächst nur Siege zu melden gab, sei die Begeisterung doch größer geworden. Gut erinnern kann Schiffers sich noch an den großen Feldgottesdienst mit den einquartierten Soldaten, der bei Inden stattfand und der für ihn allein aufgrund der großen Teilnehmerzahl sehr beeindruckend war.

Nach dem Frankreichfeldzug wurde viel gefeiert und es läuteten alle Kirchenglocken. Die Propaganda hatte zu jedem Anlass ein neues Propagandalied. Jetzt ging es eben gegen Großbritannien und es war überall das Lied „Bomben auf Engeland“ zu hören. „In der Schule wurden mit zunehmender Kriegsdauer Gebete durch Sinnsprüche ersetzt. Uns wurden vor allem Gehorsam und Ehrlichkeit als oberste Tugenden eingetrichtert“, erzählte der Buchautor. Die Schule wäre optisch wenig einladend gewesen und mehrere Jahrgänge wurden in einem Raum unterrichtet.

In Schiffers Vortrag ging es auch um witzige und kuriose Begebenheiten: So durften die Blätter von Maulbeerbäumen nicht gepflückt werden, da mit ihnen Seidenraupen gefüttert wurden. Seide galt als Kriegswichtiger Stoff, aus dem zum Beispiel Fallschirme hergestellt wurden.

Schiffers Vater war Eisenbahner und wurde in dieser Funktion in Russland eingesetzt. Wenn es möglich war, schickte er seiner Familie Kisten mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen. Eines Tages stand der Dorfpolizist vor der Tür und sagte, dass eine eintreffende Kiste beschlagnahmt sei, da der Verdacht des Diebstahls bestehe.

Die Kiste war schon Tage vorher eingetroffen und enthielt neben Sonnenblumenöl ein Moskitonetz. Schnell überzeugte Schiffers Mutter den Ordnungshüter mit brutzelnden Reibekuchen davon, dass nichts Wertvolles in der Sendung gewesen sei. Später stellten die Behörden offiziell fest, dass sein Vater die Sachen rechtmäßig bekommen und verschickt hatte.

Kurz vor Kriegsende erhielt Familie Schiffer in der Evakuierung einen Brief der Justiz, dass das Moskitonetz nun doch an die Behörden abzugeben sei. Diesem Wunsch kamen sie jedoch nicht mehr nach und es geschah nichts weiter. Schiffer benutzte stattdessen einen Teil dieses Netzes zur Abdeckung seines Terrariums. „Es ist aber der Beweis, dass die Behörden bis zum letzten Tag weiter gekämpft haben“, berichtet Schiffers und erntet bei den zahlreichen Zuhörern, welche diese Zeit ebenfalls erlebt haben, zahlreiche Lacher.

Die Zuhörer spendeten Applaus für den lebendigen Vortrag über eine dunkle Zeit, die bis heute prägend ist. Das Buch kann über den Geschichtsverein Inden für den Preis von 15 Euro bezogen werden.

(bw)
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