Siersdorf: Neuer niederländischer König hat Wurzeln in Siersdorf

Siersdorf: Neuer niederländischer König hat Wurzeln in Siersdorf

Willem-Alexander (46), der neue König der Niederlande, hat Urahnen in Siersdorf. Sein Großvater Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld (1911 - 2004) stammt mütterlicherseits aus der rheinischen Adelsfamilie von Francken-Sierstorpff. Diese wiederum geht auf die Handwerker- und Bauernfamilie Francken zurück, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Siersdorf beheimatet war. Willem-Alexander ist ein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel des Siersdorfers Franziskus Francken.

Die e Sippe aus der Siersdorfer Schmiede hat es also über die Jahrhunderte hinweg bis ins Schloss Soestdijk mit 170 Räumen und 1600 Hektar Grund geschafft, in dem Prinz Bernhard und seine Frau Königin Juliana (1909 - 2004) bis zu ihrem Tode wohnten.

Naheliegend ist, dass seinerzeit der Deutsche Orden, der fast sechs Jahrhunderte lang in der Kommende Siersdorf residierte, auch und begabte Kinder von örtlichen Handwerkern und Bauern förderte. Dazu gehörte auch der Francken-Nachwuchs. Ihren gesellschaftlichen Aufstieg über die Generationen hinweg hat der Siegburger Historiker Monsignore Wilhelm Bers (1889 - 1972), Oberstudienrat und „Päpstlicher Geheimkämmerer“, dokumentiert.

Die Anfänge dieses „stolzen Geschlechtes gelehrter und angesehene Männer“ gehen zurück bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts — auf den Siersdorfer „Hamacher“ (Sattler), Hufschmied und Ackerer Franziskus Francken und dessen Gattin Maria geb. Barwaßer.

Dort, wo einst Franckens Amboss und Esse standen, Ahle und Halbmondmesser an der Wand hingen, geht heute die Sparkasse ihren Geschäften nach.

Fünf Söhne, zwei Priester

Das Ehepaar hatte fünf Söhne, von denen zwei Priester wurden. Der älteste Sohn Heinrich (1580-1654) studierte in Köln und promovierte zum Dr. theol., er war Domherr, Generalvikar, Kanzler der Universität und Leiter des Gymnasiums Laurentianum. Die Lehranstalt genoss das besondere Wohlwollen des in Setterich geborenen Heinrich von Reuschenberg (1528 - 1603), Landkomtur des Deutschen Ordens und Bauherr der Siersdorfer Kommende. Reuschenberg engagierte sich in Köln, weil es dem Orden an qualifizierten Geistlichen mangelte. Reuschenberg stiftete auch zwölf Schul-Stipendien, davon drei für Adelige, drei für wohlhabende Bürgerliche und sechs für junge Männer aus der armen Bevölkerung.

Heinrich Francken stiftete 1616 ein Kapital von 16000 Reichsthalern, aus dem heute noch in der 13. Genealogie Studenten, die ihre Familienzugehörigkeit nachweisen können, aus dem Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds ein Stipendium erhalten.

Als Universitätsprofessor und Syndikus der Stadt Köln erreichte Heinrichs Bruder Theodor (1594 - 1646), dass die Familie unter dem Namen „von Francken-Sierstorpff“ geadelt wurde. Künftig zählte sie zu den Patrizierfamilien der Domstadt. Theodors Sohn Andreas (1636 - 1707), kurkölnischer Hofrat, hatte zwölf Kinder. Zwei Kinder wurden Bischöfe: Franz Kaspar von Franken-Siersdorf, Professor an der Universität Köln, Weihbischof in der Domstadt, Peter Joseph von Franken-Siersdorf, ebenfalls zunächst Domherr in Köln, Bischof von Antwerpen.

Aus dieser Familie entstammte in der weiteren Generationsfolge Caspar Heinrich von Francken-Sierstorpff (1750 - 1842), ein hochgebildeter und geschäftstüchtiget Forstbeamter im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel. Er begründete 1782 den Kurort Bad Driburg. Er erwarb dort am Fuße des Teutoburger Waldes die Quellen und „jedes Stück Land und Wiese, was irgendwie nahe lag“. 1782 errichtete er das Badehaus, das in seiner Grundkonzeptiion bis heute erhalten ist. Driburg, wurde eines der ersten Moorheilbäder Deutschlands. Bis heute ist es im Besitz der Famil ie. Caspar Heinrich erhielt noch mit 90 Jahren vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. den Titel eines Grafen von Siersdorpff-Driburg, das doch bürgerlich klingende Francken verschwand aus dem Edelnamen.

Von der Freiin zur Gräfin

Eine Enkelin von Caspar Heinrich, Hedwig von Francken-Sierstorpff (1848 - 1900), war die Großmutter des niederländischen Prinzgemahls Bernhard. Bernhards Mutter Armgard Freiin von Cramm-Sierstorpff (1883 - 1971) hatte, an damaligen Maßstäben gemessen, ein bewegtes Leben. Sie heiratete zunächst 1905 in Hannover Graf Bodo von Oeynhausen (1881 — 1909), der als Offizier in Paderborn beim 1. Westfälischen Husaren-Regiment Nr. 8 stand. Dort diente auch ihr zweiter Mann Bernhard zur Lippe-Biesterfeld (1872 — 1934). In den Kavallerieregimentern rekrutierten adlige Fräuleins damals bevorzugt ihre Ehemänner. Die Verbindung Bernhards mit Armgard galt indes daheim als nicht standesgemäß (morganatisch). Deshalb erhob sie Bernhards Bruder, der regierende Fürst von Lippe, Leopold IV., 1909 zur Gräfin von Biesterfeld.

Der spätere niederländische Prinzgemahl wurde also wie sein Bruder Aschwin als Graf geboren. 1916 wurde Armgard schließlich Prinzessin zur Lippe-Biesterfeld — Anrede „Durchlaucht“. Nach dem Tode ihres Mannes 1934 verwaltete Armgard das eheliche Landgut in Reckenwalde (Ostbrandenburg/heute Wojnowo) — gemeinsam mit ihrem späteren Lebensgefährten Alexis Pantchoulidzew (1888 - 1968). Das heruntergekommende Gut warf nicht viel ab, Geldnot war Armgards tägliche Sorge. Pantchoulidzew war ein ehemaliger Polkovnik (Oberst) der Leibgarde-Husaren des russischen Zaren, flüchtete dann 1917 vor den Bolschewiki und wurde im Westen ein bekannter Spring- und Dressurreiter. Pantchoulidzew brachte Bernhard des Reiten bei, die Freundschaft der beiden Männer hielt ein Leben lang. 1945 musste Armgard mit ihrem Anhang aus Reckenwalde flüchten. Sie kam in Bad Driburg unter und siedelte schließlich in die Niederlande über. Mit dem 1949 naturalisierten Pantchoulidzew lebte Prinzessin Armgard — sie nannte ihn „Tschuli“ — ab 1952 in Haus Warmelo in Diepenheim, das ihr Sohn Bernhard gekauft hatte. Ein Leben lang hat er sie auf Händen getragen.

Spartanische Königin

Der Prinz hatte inzwischen der niederländischen Kronprinzessin Juliana Avancen gemacht. Mit einem kleinem Ford Coupé fuhr der alles andere als begüterte Krautjunker, als „flotter junger Mann mit der ausgefallenen Brille“ beschrieben, im Mai 1936 am Palast Noordeinde vor, um der niederländischen Königin Wilhelmina (1880 - 1962) seine Aufwartung zu machen. Der kalvinistische Oranier-Hof war in den lebenslustigen Jungadelskreisen als spartanisch und verstaubt verschrieben. Als frivolster Zeitvertreib galt der „Sjoelbak“, ein in Holland beliebtes Holzbrettspiel. So standen die Bewerber nicht gerade Schlange. Dabei war Juliana, schüchtern, unscheinbar, hochgebildet und sozial bewegt, „die beste Partie seit Kleopatra“, so die niederländische Historikerin und Bernhard-Biografin Annejet van der Zijl. Denn das Haus Oranien war steinreich.

Sekretär in Paris

Bernhard hatte ab dem zwölften Lebensjahr ein Internat in Züllichau besucht, er galt als Außenseiter. Nach dem Abitur 1929 am Arntd-Gymnasiium in Berlin studierte er in Lausanne und Berlin Jura. Als Referendar heuerte er 1935 bei dem deutschen Chemie-Riesen I.G. Farben und wurde Direktionssekretär der Pariser Niederlassung. Was wohl kaum viel einbrachte — und das bei seinem Faible etwa für schnelle Autos.

Laut van der Zijl war er in Paris vornehmlich damit beschäftigt, die Korrespondenz der Niederlassung auf Rechtschreibfehler durchzusehen, die Briefe zuzukleben und Briefmarken aufzukleben. Biografin van der Zijl zitiert die deutsche Adlige Erica von Hodenberg, die Bernhard dort kennen gelernt hatte: Er sei ein „Schnösel“ gewesen, der gerne „den großen schicken Jungen“ herausgekehrt habe.

Fest steht, dass Bernhard als Student ab Oktober 1932 Mitglied in nationalsozialistischen Organisationen wurde, darunter die Fliegerstaffel und die Motorstaffel der SA bzw. SS. Van Zijl grub sogar seine Studenten-Unterlagen aus, wonach sich sich Bernhard am 27. April 1933 als NSDAP-Mitglied angemeldet hatte. Auch der Historiker Gerard Aalders hat in US-Archiven Dokumente ausgegraben, wonach Bernhard „Pg.“ (Parteigenosse) war. Doch der Prinz schwor noch kurz vor seinem Tod: „Ich kann es mit der Hand auf der Bibel erklären: Ich war niemals ein Nazi.“

Bernhard auf Brautschau

Bei den IV. Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen im Februar 1936 lernte Bernhard Juliana lernen. Tante Anna hatte ihrem Neffen „Bernilo“ diesen Tipp gegeben. Königin Wilhelmina war zunächst verrückt nach ihm. Als Adeliger und Protestant erfüllte er auch die formalen Tauglichlichkeitskriterienfür einen Schwiegersohn. Am 7. Januar 1937 vermählte er sich mit „Lulalein“. Und die stets sparsame Königin spendierte dem Prinzen ein Jahressalär von 200.000 Gulden.

Bernhard genügte sofort seinen ehelichen und dynastischen Pflichten. Am 31. Januar 1938 wurde auf Schloss Soestdijk die Tochter und spätere Königin Beatrix Wihelmina Armgard geboren. Drei Töchter folgen bis 1947. Von seinem Fortpflanzungswillen werden auch zwei außereheliche Kinder zeugen — Alicia und Alexia und vielleicht auch Mildred.

Diese mutmaßlich 7. Tochter soll Bernhard 1945 nach der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Apeldoorn gezeugt haben. Dort arbeitete ihre Mutter „Trijntje“ für den nationalen Widerstand, die „Nederlandse Binnenlandse Strijdkrachten“, deren Oberbefehlshaber Bernhard schon 1944 im Londoner Exil war.

Zuvor hatte er als „Wing Commander Gibbs“ der Royal Air Force Einsätze gegen deutsche V-1-Abschussrampen geflogen, U-Boote im Atlantik bombardiert und Aufklärungsflüge über dem besetzten Europa geflogen.

Nach dem Krieg waren es besonders die niederländischen Veteranen, die dem Nachfahren des Schmieds von Siersdorf mit der weißen Nelke im Knopfloch trotz der Skandale und Affären in den kommenden Jahren unverbrüchlich die Treue hielten.

(zts/gep)
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