Jülich: Nach 64 Jahren „Finale“ der Realschule in Jülich

Jülich: Nach 64 Jahren „Finale“ der Realschule in Jülich

Am 20. Dezember 2011 war nicht nur Paul Krahes Kampf verloren. Der Rektor der Realschule Am Aachener Tor, weite Teile des Kollegiums und der Elternschaft waren schließlich nicht gegen eine andere oder eine neue Schule. Sie wollten aber ihre erhalten.

Als an diesem Tag dann der Jülicher Stadtrat die Errichtung einer Sekundarschule beschlossen hatte, war das jedoch gleichbedeutend mit dem Aus von Real- und Hauptschule Jülich. Im Amtsdeutsch „laufen“ diese beiden Einrichtungen „bis 2017 aus“.

Dieser Tag steht nun auch der Realschule unmittelbar bevor. Auf der Homepage heißt die letzte offizielle Schulveranstaltung am Samsag ab 11 Uhr in der Terminliste schlicht „Finale“ (im PZ des Schulzentrums). „Wir werden am 8. Juli kein Freudenfest feiern, weil wir die Schule zumachen dürfen“, erklärt Paul Krahe entschlossen. „Wir werden herausstellen, was hier gelaufen ist und was so früher an anderen Schulen nicht gelaufen ist.“

Krahe und seine Kollegin Antje Kappert können sich noch gut an den Zeitpunkt erinnern, als per Beschluss das Ende als größtmögliche Veränderung für die stolze Schule feststand. „Das kam wie ein Schuss aus der Hüfte“, sagen sie. Es gab zu diesem Zeitpunkt zwar schlechtere Anmeldezahlen als früher, aber damit noch keine schlechten. Und die Realschule Jülich war die größte ihrer Art im Kreis Düren. Bei der Neuordnung folgten Rat und Verwaltung in Jülich den Empfehlungen des Schulentwicklungsplaners.

„Wir hatten nur die Möglichkeit, zum Wie gehört zu werden, nicht zum Ob“, sagt Paul Krahe immer noch leicht vorwurfsvoll. Mit der Entscheidung aber stellten sich augenblicklich neue Herausforderungen, denn die Schule fiel für einige Zeit in ein tiefes Loch. „Es gab ein Jahr ein großes Tohuwabohu“, beschreibt der Rektor, weil Teile des Kollegiums krankheitsbedingt ausgefallen waren, auch der Leiter selbst, und nach dem Schließungsbeschluss viele Mitglieder der Schulgemeinschaft den Kopf hängen ließen.

Kurzum: Es herrschte „eine sehr trübe Stimmung“. Klar war auch, dass noch ein Umzug von den Gebäuden Am Aachener Tor ins sanierte Schulzentrum Linnicher Straße bevorstand. „So können wir nicht fünf Jahre unterrichten“, befanden Krahe und Kollegen und sind heute überzeugt: „Es ist uns wirklich gelungen, diese Stimmung umzukehren.“

Verbrüderung einstiger „Rivalen“

Veränderungen brachte zwangsläufig der Umzug ins Schulzentrum, wo plötzlich Real- und Hauptschüler aufeinander trafen. Antje Kappert spielt auf die früher „gepflegte“ Rivalität an, die dem gemeinsamen Schicksal gewichen ist: „Die Schülergruppen haben sich im Prinzip verbrüdert, das war ja mal ganz anders... Es lief dann vieles gemeinsam, aber keine der Schulen hat ihre Identität verloren.“

Als vergangene Woche 73 junge Frauen und Männer als letzte zehnte Klassen verabschiedet wurden, war ein Ziel des fünfköpfigen Kollegiums plus Verstärkungskräften erreicht. „Wir haben die Traditionen der letzten Jahre fortgesetzt.

Sämtliche Funktionen waren voll da, und außer Musik mussten wir kein Fach ausfallen lassen“, sagt der Rektor erleichtert. Antje Kappert ergänzt: „Wir wollten nicht das Gefühl vermitteln, das ist das letzte Jahr.“ Dazu zählten zum Beispiel neue Impulse in der Berufsorientierung oder auch ein Roboterprojekt. Schüler entwickelten eine Plattform, wie sie auch bei Staubsauger- oder Rasenmäher-Robotern zum Einsatz kommt.

Was an der Realschule „nebenher“ lief, war über viele Jahre identitätsstiftend. Die Einrichtung setzte soziale, naturwissenschaftliche, technische, ökologische und musische Akzente. Von der Arbeit der Bach-AG, die über Jahrzehnte die Gewässerwerte der Rur bei Jülich ermittelte, profitierte die ganze Stadt. Schul-Bands, Sponsored Walks, Gender- und Fremdsprachen-Projekte — die Liste ist lang.

Eines zieht sich aber wie ein roter Faden durch die Geschichte: Die Praxisorientierung war Programm. Paul Krahe betont das so: „Wir haben uns als REAL-Schule präsentiert. Wir waren fassbar, praxisorientiert, haben mit außerschulischen Partnern kooperiert.“ Lohn war ein über die Kreisgrenzen hinaus gehender guter Ruf bei Ausbildungsbetrieben.

Wenn nun Haupt- und Realschule ausgezogen sind, wird die ebenfalls durchaus erfolgreiche Sekundarschule — gemessen an Anmeldezahlen und erster Qualitätsbewertung — die Räume nach und nach belegen. Trotz der eigenen Enttäuschung bleibt Paul Krahe als Schulleiter in dieser Stadt Lokalpatriot: „Ehrlich: Ich wünsche der Sekundarschule viel Erfolg. Die dürfen nicht scheitern und brauchen jegliche Unterstützung.“

Er selbst ist 65 und wird „vielleicht noch für ein Jahr an eine andere Schule gehen“. Antje Kappert (61) bleibt dem dreigliedrigen System treu und hat eine Absichtserklärung abgegeben, zur Realschule Aldenhoven zu wechseln. Samstag erleben sie in Jülich ihr „Finale“. Mit erhobenem Haupt.

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