Jülich: Motorrad-Kurs: Praxis gesammelt, Rücksichtnehmen gelernt

Jülich: Motorrad-Kurs: Praxis gesammelt, Rücksichtnehmen gelernt

An jedem Wochenende stöhnen die Bewohner in der Eifel über die Verkehrsbelastung, die die Touristen verursachen. Eine Gruppe steht dabei besonders im Blickpunkt: die Gruppe der Motorradfahrer. Die wird auch von der Polizei argwöhnisch betrachtet.

Rücksichtsloses Fahrverhalten und zahlreiche Unfälle, die nicht selten tödlich verlaufen, belasten das Klima. Dass es völlig anders geht, beweist die Verkehrswacht Jülich mit ihrem Motorradtraining, das immer wieder für Fahrer jeder Altersgruppe angeboten wird.

„Ich bin der Heinz“, lautet die Begrüßung am Sonntagmorgen. Wer zu dieser Zeit bei diesem Wetter sich auf seinen „Bock“ setzt, möchte etwas Bestimmtes. Heinz, eigentlich Heinz Dickmeis, moderiert das Training mit einer jahrelangen Erfahrung auf dem Motorrad. Die Teilnehmer, zwei Frauen und drei Männer, sind alle an der Verbesserung ihres fahrerischen Könnens interessiert.

Dazu steht ein Tag im Gelände zur Verfügung, wie der Coach eingangs erläutert. Die Theorie beschränkt sich auf Grundlagen für Motorradwahl, Ausrüstung, kurze Wiederholungen zu Lenktechniken und die Überprüfung des Luftdrucks. Grundlagen des Fahrens in der Gruppe kommen zur Sprache. Dann geht es los.

Erhöhter Pulsschlag

Zum Einfahren geht es quer über den Verkehrsübungsplatz. Erste Unsicherheiten bei Gras, Kies, Sand und Schotter müssen überwunden werden. In der Gruppe fällt das leichter. Beim Abbiegen auf den Sandweg wenig später steigt der Pulsschlag wieder. „Im Grunde ist Sand genauso ein Untergrund für ein Motorrad wie Asphalt. Man sollte nur ein wenig langsamer fahren“, versucht der Coach lächelnd zu beruhigen und garniert seine Ausführungen mit ein wenig Fahr-Physik. „Beim Hindernis, wenn es ein Ast oder ein Stück Holz ist, einfach drüber fahren“, lautet der Sicherheitshinweis. Das klingt in der Theorie verständlich, wird in der Praxis jedoch zur Mutprobe.

Wenig später, nach ein paar Kilometern entspanntem Gruppenerlebnis auf der Landstraße, heißt es: „Wenden!“ Das klingt einfach, mit einem Motorrad auf einer schmalen Landstraße klappt nicht immer auf Anhieb. Im dritten Anlauf haben alle den Bogen raus.

In der folgenden Passage über die Autobahnauffahrten erlebt jeder Teilnehmer das Gefühl „Kurve“, das Lebenselixier eines Bikers. Beim anschließenden Besuch auf dem Aldenhoven Testing Center wird es minutenlang fühlbar. Die Fahrt in Schräglage auf dem Rundkurs, der „Ritt“ durch die Steilwandkurve und das Suchen einer Rennposition auf dem Handlingkurs vermitteln neue und beeindruckende Erkenntnisse. Dann kommt die Eifel. „Denkt an die Bevölkerung“, fordert Moderator Heinz. „In den Ortschaften runter vom Gas und ruhig auch mal grüßen. Die sollen merken, dass ihr Fahrer seid, die Rücksicht nehmen.“ Angesichts der Wochenendproblematik ein sinnvoller Vorschlag.

An Unfallschwerpunkten kriecht die Anteilnahme über den Rücken angesichts des tragischen Schicksals, von dem nur noch ein Kreuz am Straßenrand geblieben ist. In der Analyse wird klar, dass es zumeist Fahrfehler der Betroffenen waren, die den Unfall ausgelöst haben. Während die Gruppe noch am Rand steht, rauscht eine Motorrad-Kolonne vorbei. „Von den sieben hat aber maximal einer die richtige Fahrlinie erwischt“, stellt Teilnehmer Hermann fest.

„Auch in der Gruppe fährt jeder eigenverantwortlich“, stellt der Coach unmissverständlich klar. „Wir fahren alle auf Ankommen!“ Für die Sechs ist das an diesem Tag selbstverständlich, für etliche Beispiele unterwegs offenbar nicht.

Und dann regnet es auch noch in der Eifel. Eine wunderbare Gelegenheit, die Scheu vor dem nassen Untergrund auf seinen zwei eigenen Reifen zu überwinden. So strahlen alle — wenn auch ein wenig erschöpft — bei der abschließenden Manöverkritik.

„Im Grund sollte jeder Motorradfahrer ein solches Training zu Beginn einer jeden Saison absolvieren (müssen)“, ist sich Elvire sicher. Und der 71-jährige Klaus fügt hinzu: „Ich hatte vorher nur ganz wenig Fahrpraxis und habe heute meine Kurventechnik enorm verbessert.“

(tm)
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