Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen - Kommunen fürchten ein Verbot

Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen : Kommunen fürchten ein Verbot

„Der Brief ist bei uns wie eine Bombe eingeschlagen“, sagt Gert Marx, Leiter des Jülicher Sportamtes. Absender des Schreibens mit dem explosiven Inhalt ist der Städte- und Gemeindebund NRW, der seine Mitgliedskommunen vor einem möglichen Verbot für den Einsatz von Mikroplastik als Füllstoff von Kunststoffrasenplätzen durch die EU-Kommission warnt.

Kunststoffgranulat wird momentan durchgängig als Füllstoff in vielen Kunststoffrasensystemen eingesetzt. Die EU-Kommission hat die European Chemical Agency (ECAH) beauftragt zu prüfen, ob bestimmte Mikroplastiken, die bewusst in die Umwelt freigesetzt werden, verboten werden müssen. Das für Kunstrasen verwendete Granulat könnte dazu zählen. Das Verbot soll nach derzeitigem Stand 2021 in Kraft treten. Somit würde der Austrag des Granulats ab 2022 vollständig verboten. „Bestandsschutz oder Übergangsfristen sind bisher nicht vorgesehen“, heißt es weiter.

Die Nachricht trifft die Stadt Jülich in doppelter Hinsicht: Es gibt Kunstrasenplätze in Koslar und Welldorf-Güsten sowie den Beschluss des Stadtrates, einen weiteren Kunstrasenplatz im Bereich des Karl-Knipprath-Stadions zu errichten. Diese Investitionsentscheidung ist zunächst mit einem Sperrvermerk belegt worden, der am Mittwoch den Ausschuss für Jugend, Familie, Integration, Soziales, Schule und Sport beschäftigte sowie am Donnerstag Haupt- und Finanzausschuss und Stadtrat. Letzterer verständigte sich darauf, die Investitionsentscheidung weiter auf Eis zu legen und einen Sachverständigen zur Kunstrasenthematik auf einer der nächsten Sitzungen des Fachausschusses zu hören, bevor eine Entscheidung für oder gegen einen Neubau getroffen wird.

Gleichzeitig geht es darum zu entscheiden, wie bei einem Verbot mit den Plätzen in Koslar und Welldorf-Güsten weiter geht. „Es gibt Alternativen“, hat sich Gert Marx in Sachen Kunststoffgranulat bereits informiert. Wie tragfähig die wären, muss ebenfalls der Experte klären. So ließe sich etwa Korkgranulat als Füllstoff einsetzen, doch ist dieses bröselig und quillt bei Nässe auf. Sand ist als Füllmaterial nur dann geeignet, wenn das Kunststoffrasensystem über genügend Fasern verfügt, um den feinkörnigen Füllstoff zu halten.

Die Pflege der beiden Plätze obliegt momentan dem städtischen Bauhof, dessen Mitarbeiter mit einem überbreiten Besen am Minitraktor allwöchentlich die Flächen abfahren, um das vorhandene Granulat gleichmäßig zu verteilen. Zweimal jährlich erfolgt eine Grundreinigung des Granulats durch den Platzbauer, der gegenbenenfalls den „verflogenen“ Füllstoff ergänzt.

Weitere Kunstrasenplätze im Nordkreis gibt es in der Gemeinde Aldenhoven bei Fußball-Mittelrheinligist Borussia Freialdenhoven, der die Platzanlage selbst finanzieren musste, und in der Gemeinde Inden bei Victoria Schophoven-Pier, der auch vom dortigen FVM-Mädchenstützpunkt genutzt wird. Im Südkreis ist die Dichte an Kunstrasenplätzen noch weit höher, so dass dieses heraufziehende Problem weite Teile des hiesigen Amateurfußballs betreffen dürfte. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schätzen, dass der Gesamtbetrag für den Austausch des Füllstoffes bundesweit im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen könnte, der Städte- und Gemeindebund hält sogar eine dreistellige Millionenhöhe für denkbar.