Jülich: Marktplatz: Gesamtkonzept ist besser als blinder Aktionismus

Jülich: Marktplatz: Gesamtkonzept ist besser als blinder Aktionismus

Wie wird der Jülicher Marktplatz in fünf oder zehn Jahren aussehen? Diese Frage wurde beim Stadtgespräch am Dienstag zwar weder gestellt noch beantwortet, wird jedoch vielen interessierten Besuchern durch den Kopf geschossen sein.

So wie heute sicher nicht, da dürften sich alle Beteiligten einig sein. Und einen von allen Bäumen befreiten Platz mochte sich bei der gemeinsamen Veranstaltung des Vereins Stadtmarketing und unserer Zeitung in der Sparkasse am Schwanenteich niemand vorstellen.

Dagegen zeichnen sich bereits, so Ausschussvorsitzender Erich Gussen, ein Bündel kleinerer Maßnahmen ab, mit denen für kleines Geld Nutzbarkeit und Attraktivität des Marktes gesteigert werden sollen und die die Marktplatz-Kommission ersonnen hat. So soll beispielsweise die Möblierung des Marktes mit Bänken und Papierkörben so geändert werden, dass beim Wochenmarkt die Stände anders gestellt werden können.

Da Privathäuser am Marktplatz zum Leidwesen vieler Leute nicht angetastet werden dürfen, auch wenn deren Äußeres den Bereich „verschangelierten“, wie die Einzelhändlerin Ute Werner treffend einen rheinischen Mundartbegriff in die Debatte warf, ist zunächst die Stadt Jülich am Zuge, die mit dem Alten Rathaus über eine wichtige Immobilie dort verfügt, deren Potenzial künftig auch stärker genutzt werden soll.

So kündigte Beigeordneter Martin Schulz an, dass die Zuordnungn der beiden Rathäuser so umorganisiert werden sollen, dass Aufgaben, die mit wenig Publikumsverkehr verbunden sind, aufs Neue Rathaus konzentiert werden, während die stärker frequentierten Amtsstuben künftig im Alten Rathaus zu finden sein werden. Dieser Vorschlag solle im Fachausschuss diskutiert und dann zügig umgesetzt werden, kündigte Schulz an.

Bürgerbüro im Alten Rathaus

Das Alte Rathaus wäre auch ein Fall für ein Bürgerbüro nach dem Vorbild umliegender Kommunen, wo Bürger an einer Stelle (fast) alle Anliegen bei der Verwaltung erledigen können, so Schulz. Zukunftsmusik ist auch die Einrichtung einer Gastronomie im Alten Rathaus, die dann ebenfalls den Marktplatz nutzen könnte.

Und noch einen weiteren Aspekt brachte der Beigeordnete ins Spiel: Derzeit befinde sich der Marktplatz am westlichen Ende der Fußgängerzone. Mit der geplanten Aufwertung des Walramplatzes, der früher als Busbahnhof diente und heute weitgehend als Parkplatz genutzt wird und somit eine wichtige Funktion habe, werde der Markt wieder stärker ins Zentrum gerückt. „Wir geben das nicht auf“, sei die Bauverwaltung mit der entsprechenden Planung beschäftigt, um so in der Innenstadt einen Kontrapunkt zur Galeria Juliacum zu schaffen.

Dass es bei der ökonomischen Nutzung des Marktplatzes hakt, machte Einzelhändlerin Ute Werner deutlich. „Es gibt keine verlässlichen Tage mehr“, räumte sie mit der Mär auf, dass der Handel von den Tagen profitiert, an denen der Wochenmarkt seine Stände aufschlägt. „Wir sind weder beim Wochenmarkt noch beim Stadtfest integriert“, fühlt Werner ihr Geschäft eher an den Rand gedrängt.

„Bei uns schließt keiner wegen Reichtums“ begründete sie Geschäftsaufgaben ironisch. Es seien mitunter einfach „zu wenig Leute“, also Kunden, da. Deshalb sei es dringend notwendig, Menschen auf den Markt zu ziehen, beispielsweise mit Events oder Straßenmusik, damit „beruhigte“ Innenstädte wieder lebendig werden.

Die Umgestaltung des Jülicher Marktplatzes erfolgte vor rund 25 Jahren, was bis heute Spuren hinterlassen hat, wie jeder weiß, der dort schon einmal das Pflaster betreten hat. Martin Schulz erläuterte die „traurige Geschichte“ mit den technischen Unzulänglichkeiten bei der Verlegung der Steine, die auf einem Untergrund aus Beton Schaden nehmen mussten.

Heute würden die Klinker hochkant auf Sand oder Schotter verlegt, wie beispielsweise in der Düsseldorfer Straße geschehen. „Zuerst muss alles raus“, sei eine Behebung der alten Fehler aber aufwändig und teuer.

Dass der Wochenmarkt von den Marktbeschickern gute Noten erhält, berichtete Dezernentin Katarina Esser, die etliche Statistiken zum Markt aufblätterte. Esser berichtete weiter, dass eine andere Aufstellung der Stände erprobt werde, die Baumeinfassungen aber Probleme bereiteten.

Esser würde sich hier mehr Flexibilität wünschen. Ein marktgerechter Event sei neben Stadtfest das Fest der Kulturen. Der Versuch, mit einem „Schaukochen“ Leute anzulocken, sei allerdings vom Regen gestoppt worden. Die Aktion werde aber fortgesetzt. Wichtig sei es nun, die Überlegungen zu einer Attraktivierung des Marktes zu einem Gesamtkonzept zusammenzuführen.

Ähnlich argumentierte Dr. Peterheinrich May, der früher mit einem Käsestand den Wochenmarkt frequentierte und auf dem Marktplatz nun mit einem stationären Geschäft vertreten ist. Er lobte Jülichs hohe Kaufkraft und ein Potenzial, „wie es nur wenige Städte haben“. Er warnte, Aktionismus einem Gesamtkonzept vorzuziehen.

Einzelhändler Ulrich Backhausen machte auf die Probleme der Marktperipherie aufmerksam: „Wer durch den Hexenturm kommt, kann die Probleme sehen.“ Geschäfte in der Kleinen Rur- oder Grünstraße seien geprägt von häufigen Inhaberwechseln.

„Jülich ist eine sehr schöne und angenehme Stadt“, bekannte sich die Engelsdorfer Künstlerin Maria Fernandez, die viel auf der Welt herumgekommen ist und unter anderem die Mariensäule auf dem Kirchplatz geschaffen hat, zur Herzogstadt, doch mahnte sie, beim Blick in die Zukunft auch das künstlerische Elemente einzubeziehen. „Kunst ist ganz wichtig.“ Sie war eine von vielen Publikumsstimmen.

Wie die Bäume auf den Marktplatz gekommen sind, wurde beim Stadtgespräch geklärt. Ursprünglich aus militärischen Gründen angelegt („freies Schussfeld“), diente der Markt später als Straße und Parkplatz, da war für Bäume allenfalls am Rande Raum.

Der Charakter der steinernen Stadt sollte beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg mit Laubengängen an der einen Seite erfolgen sowie Bäumen, die durch einen entsprechenden Beschnitt ebenfalls in den Kronen so zusammenwachsen, dass sie einen Laubengang ergeben, berichtete Guido von Büren, Vorsitzender des Jülicher Geschichtsvereins, der die Originalpläne eingesehen hat. Conrad Doose als Vorsitzender des Fördervereins Festung Zitadelle erklärte dem Publikum, dass der Jülicher Stadtgrundriss inklusive Marktplatz — wie vor über 450 Jahren von Pasqualini als Idealstadtanlage der Renaissance geplant — weltweit seinesgleichen suche.

Alle Varianten durchtesten

Die ideologiefreie Diskussion aller Varianten forderte CDU-Stadtverbandsvorsitzender Elmar Fuchs in der abschließenden Runde, in der Visionen zur Sprache kamen. Fuchs würde auch die Wiederbefahrbarkeit des Marktplatzes testen wollen, fand indes dafür keinen Beifall. Größeres Interesse fand dagegen der Vorschlag von Heinz Frey (JÜL), kleine Dinge rund ums Fahrradfahren wie eine Wache zu realisieren, denn das sei nicht nur in Jülich das Verkehrsmittel der Zukunft.

Die Befahrbarkeit des Marktes für Pkw sei mit der SPD nicht zu machen, erklärte Fraktionschef Harald Garding. Über einzelne Bäume könne man sprechen, wenn ein schlüssiges Konzept dahinter stehe. Grünen-Fraktionschef Jürgen Laufs sieht auch mehr „das große Ganze“, wenngleich die Grünen Unterschriften zum Erhalt der Markt-Bäume gesammelt hätten und sich dafür stark machen. „Man findet eher den Stein der Weisen, als das Problem Marktplatz zu lösen“, sagte Winfried Cremerius (FDP). Und mit Blick auf das kaputte Pflaster in der Innenstadt meinte er: „Wir haben heute erkennen müssen, dass vor 25 Jahren eine Fehlleistung vollbracht wurde.“

Moderatoren des Abends waren Wolfgang Hommel (Stadtmarketing e.V.), der für den erkrankten Michael Gramm einsprang, und Redakteur Volker Uerlings.

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