Das Publikum swingt im Bonhoeffer-Haus mit: „Marion und Sobo Band“ spielt Gypsy-Jazz und Weltmusik

Das Publikum swingt im Bonhoeffer-Haus mit: „Marion und Sobo Band“ spielt Gypsy-Jazz und Weltmusik

Über ihre Musik sprechen sie mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie diese auf der Bühne präsentieren. Wobei „präsentieren“ nicht das richtige Wort ist, denn bei den Konzerten wird die Musik von „Marion und Sobo Band“ gelebt.

Im Jülicher Bonhoeffer-Haus wurden die Zuschauer zu einem exquisiten, musikalischen Cocktail eingeladen, der ebenso gut auf der Copa Cabana, in einem Café auf dem Hügel von Montmartre, beim Lagerfeuer in den Wäldern Transsilvaniens, auf den Straßen von New Orleans oder in einer Budapester Kneipe an der Kettenbrücke serviert werden könnte.

Schmaler musikalischer Grat

„Wir spielen Gypsy-Jazz, doch unsere Eigenkompositionen und Arrangements lassen sich nicht in eine Schublade einsortieren“, erklärt Alexander „Sobo“ Sobocinski, Gitarrist und Komponist der Band. Dieser als erster in Europa entstandene Jazz-Stil findet seine Anfänge in der französischen Musik der 1920er-Jahre, wo mit Swingartikulationen und Akkordzerlegung (Arpeggio) als Stilmittel improvisiert wurde.

Der als französischsprachiger Sinti geborene Gitarrist und Komponist Jean „Django“ Rheinhardt gilt als Begründer und Verbreiter des europäischen Jazz. Zu seinen Quellen gehören neben den Valse Musette (französische Volkstänze) auch die traditionelle Musik der Roma und Sinti sowie Einflüsse des US-amerikanischen Jazz, dessen Wurzeln in den afrikanischen Klängen anzusiedeln sind.

„Es sind sehr viele Quellen, wir beachten sie alle und fügen noch einiges dazu“, erläutert „Sobo“ die Vielfalt des Band-Repertoires. Diese Vielfallt äußert sich nicht nur in der Einbindung der Volksmusik aus den Balkanstaaten und Südamerika sowie der Bemächtigung verschiedener Musikstile wie Bossa Nova, Tango und Chanson, sie wird zudem in vielen verschiedenen Sprachen dargeboten.

Die Frontfrau und Songwriterin der Band, Marion Lenfant-Preus, ist in einer französisch-US-amerikanischen Familie bilingual aufgewachsen und hat in Deutschland Sprachen studiert. Sie singt in Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch und Albanisch. Als ins Programm passender musikalischer Akzent und als Verneigung an die polnische Heimat des temperamentvollen Musikschreibers Sobocinski ist demnächst die Aufnahme von polnischen Liedern angedacht.

„Der Klang verschiedener Sprachen bereichert unsere Musik, doch die wichtigste Sprache ist die Musik selbst“, sagt die Vokalistin. „Marion und Sobo Band“ spielt Gypsy-Jazz, Weltmusik und unternimmt in den Arrangements musikalische Ausflüge in die Domäne der Pop-Musik. „Es ist ein schmaler Grat“, erklärt Lenfant-Preus, „die Musik soll für die Menschen zugänglich sein und trotzdem nichts an ihrer Kunst verlieren.“

Auf die Aufforderung, die Rolle der Musik mit drei Begriffen zu definieren, spricht sie von Freude, Kommunikation und Menschen-Zusammenbringen. Für Sobocinski muss Musik echt und einfach schön sein, „und sie muss uns widerspiegeln“.

Das Konzert in Jülich erfüllte all diese an die Band selbstgestellten Anforderungen in vollem Umfang. Angefangen von einem verträumten Arrangement des bekannten Chanson „C’est si bon“ über eigene temperamentvolle doch stets einfühlsame Kompositionen aus dem neuen Album „Esprit Manouche“ bis hin zu Interpretationen der Gypsy- Jazz Legenden wie Django Reinhardt und Stéphane Grapelli überzeugten die Musiker mit exzellentem musikalischen Können.

Ihre Individualität zeigt die „Marion und Sobo Band“ zudem durch ihre Besetzung. Sie kreiert einen energetischen und rhythmischen Sound ohne Schlagzeug oder Percussion, was gegenwärtig bei vokalem Gypsy-Jazz selten zu finden ist. Das Perkussive übernehmen die Gypsy-Gitarren, so genannte Selmer-Macaferi.

Im Konzert spielen sich die Gitarristen Sobolewski und Jonas Vogelsang quer durch die Musikstile, mal gemeinsam in einem atemberaubenden Tempo mit dem für Dixieland typischen „TwoBeat“ in „Swing gitan“ begeisternd, mal im kunstvollen Solo brillierend.

Frank Brempel und seine Geige erwecken tiefste Sehnsuchtsgefühle beim Publikum und Stefan Rey donnert kräftig auf seinem Kontrabass durch die Weltmusik. Die samtige, facettenreiche Stimme der Vokalistin verzaubert mit kristallklarem Scat-Gesang und einer einwandfreien Beherrschung ihrer Diktion in den zuweilen außergewöhnlich schnell gesungenen Parts. „Die Musik soll Freude schenken“, ist das gelebte und gesungene Motto der Band.

Und in der Tat wurde am Konzertabend im Bonhoeffer-Haus die pure Lust am Leben musikalisch gefeiert, welche das Publikum immer wieder nicht nur zum begeisterten Applaus sondern auch zum ausgelassenen Tanzen animierte. Mit dem letzten lebensbejahenden, temperamentvollen Lied wurde das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen hingerissen und erhielt dabei ein weiteres Geschenk.

Mit dem albanischen Stück „Lula lula“, gesungen in der geheimnisvollen, uralten Sprache Albaresch, konnten die Zuschauer eine Blume (deutsche Übersetzung) als garantierten Ohrwurm mit nach Hause nehmen.

(mavo)
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