LVR-Kulturhaus Rödingen: Literarisches Gedenken in der Landsynagoge

LVR-Kulturhaus Rödingen : Literarisches Gedenken in der Landsynagoge

„… und die Katastrophe kam“ war die Veranstaltung am „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ überschrieben, bei der die ehemalige Synagoge im „LVR-Kulturhaus Landsynagoge“ überfüllt war wie nie.

Als „Schatzkästchen in der Region“ bezeichnete Dagmar Hänel, neue LVR-Regionalleiterin für jüdische Geschichte, den Veranstaltungsort. Judaistin Monika Grübel motivierte zu einer Gedenkminute für alle Opfer, darunter auch Sibilla Ullmann aus dem ehemals jüdischen Wohnhaus und ihr Neffe Richard Wallach, der oft dort zu Besuch war. Mit Rezitationen und Gesang setzten Johannes Göbel und Martin Mock das Thema um. Sie setzten die literarischen Tagebuchnotizen des Schriftstellers und Journalisten Erich Kästner in „Notabene 45“ aus der Endphase des Zweiten Weltkrieges seinen Appellen und Mahnungen der Jahre ab 1929 gegenüber.

Kästners innerer Dialog verdeutlichte eine sich wiederholende Realität. „Notabene“ entstand aus Kästners Notizen aus dem Jahr 1945, deren Texte er unverändert und somit als Zeitdokument hinterließ. Es handelt sich um sarkastische und erschütternde Schilderungen der letzten Monate der NS-Zeit, die einem zeitlosen Aufruf zur Mitmenschlichkeit gleichkommen.

Die Rezitatoren starteten ihr Programm mit einem Auszug aus der „Vita Activa“ von Hannah Arendt: „Die Praxis des Lügens kann aus unterschiedlichen Formen des Falschsprechens bestehen, und es lohnt sich, sie auszubuchstabieren“. Wie Göbel herausstellte, beherrscht US-Präsident Donald Trump alle Formen, „er prahlt, täuscht, manipuliert und diffamiert“.

„Erich Kästner ist hier und heute unser Programm“, setzte der Rezitator nach. Im Wechselspiel von Prosa und von Martin Mock vertonten Zitaten ließen die Darsteller alleine „Kästner für sich sprechen“. Ein Beispiel ist „Ein alter Mann geht vorüber“ (1933/1946), wo es unter anderem heißt: ...Und möchte gern vergessen, was ich weiß. Ich war ein Kind. Ein Mann. Nun bin ich mürbe“ oder „Ja, ich sah manches Stück im Welttheater. Ums Eintrittsgeld tut‘s mir noch heute leid“. Die Betonung liegt in der letzten Strophe: „Vernunft muss sich ein jeder selbst erwerben. Und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.“ Zum Vergleich ein Beispiel aus Kästners frühen Jahren – diese setzte Martin Mock stets zum Zupfen seiner Gitarre um – es stammt aus Kästners Gedicht: „Ich bin die Zeit“. Dort heißt es etwa: „Das sei euch anvertraut: Ihr seid zu laut! Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, lasst euren Streit“.

Ein weiteres Beispiel aus dem Jahr 1932 ist das „Eisenbahngleichnis“, wo die letzte Strophe lautet: „Wir reisen alle im gleichen Zug zur Gegenwart in spe. Wir sehen hinaus. Wir sahen genug. Wir sitzen alle im gleichen Zug und viele im falschen Coupé“. Interessant ist auch, wie das Tagebuch Kästners entstand: „In einem Regal meiner Berliner Bibliothek stand unauffällig zwischen anderen Büchern während des Dritten Reiches ein blau eingebundenes Buch, dessen Blätter, wenigstens in der ersten Zeit, völlig weiß und leer waren“. Die Seiten dieses „Blindbuches“ füllte Kästner mit „verfänglichen Dingen“… „Eine sehr gehaltvolle Veranstaltung mit wachsendem Anspruch“, kommentierte ein Besucher die alternative Gedenkveranstaltung.

(ptj)
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