Lutz Görner und Nadia Singer präsentieren Texte und Musik von Berlioz

Schlosskapelle Jülich : Memoiren lebendig vertont

In einer beeindruckenden Aufführung haben sich Lutz Görner und Nadia Singer dem Werk von Victor Berlioz gewidmet. Singer spielte Musik von Berlioz, Rezitator Görner seine Texte.

„Ich sollte die Steine sammeln, die auf mich geworfen werden, um sie zum Fundament meines Denkmals zu machen“. Das sagte Victor Berlioz, der in Deutschland als Komponist und Dirigent verehrt wird. Berlioz, 1803 nahe Grenoble geboren und 1869 in Paris gestorben, war Thema des anspruchsvollen Konzertabends in der Schlosskapelle. Aufführende waren Rezitator Lutz Görner, der aus den umfangreichen Memoiren des Künstlers eine Auswahl an Briefen zusammengestellt hatte, und die „schnellfingrige“ Pianistin Nadia Singer.

Ihre Finger flogen über die Tasten des Flügels und ließen die überwältigende Fülle der Klavierübertragungen von Franz Liszt erklingen, in die er die Orchesterwerke Berlioz‘ übertragen hatte. Einführend spielte Singer „L‘idée fixe“, das Leitmotiv aus der „Symphonie fantastique“, in der sich ein junger, krankhaft empfindsamer Musiker in verliebter Verzweiflung mit Opium vergiftet hat und in einen langen Schlaf mit seltsamen Visionen sinkt.

Geliebte Leitmelodie

Aus dieser thematisch im Vordergrund stehenden Sinfonie erklangen im Laufe des Abends die drei Sätze „Träumereien“, der „Marsch zum Schafott“, der sich mal düster und wild, mal brillant und feierlich gestaltet, durchsetzt von dumpfen und abgemessen Schritten, und „Gedanken in einer Sabbatnacht“. Hier taucht die geliebte Leitmelodie wieder auf, einst edel und schüchtern hat sie sich zu einer trivialen und grotesken Tanzweise entwickelt. Als Intermezzo zu den Klaviersoli las Görner aus Berlioz‘ Briefen aus dessen langer musikalischer Reise durch Deutschland 1842/43, in denen er fünfzehn Konzerte mit Werken aus eigener Feder gab. Die unterhaltsamen Briefe, die neben dem deutschen Musikbetrieb mit seinen Unzulänglichkeiten, aber auch Gefühlstiefs und Glücksmomente seiner künstlerischen Arbeit mit seinen Orchestern zum Inhalt haben, rezitierte Görner in größter Flexibilität seiner Stimmlage und seines Sprechtempos und arbeitete so besonders die amüsanten Momente heraus. „Herrlich, ’ne?“, raunte ein Zuhörer.

Im Mittelpunkt standen die Briefe an „François“ Liszt, in denen er letzteren mit Bitten und Anliegen bedrängte, und in denen unter anderem auch neue Züge der einzigartigen künstlerischen und menschlichen Persönlichkeit Liszts zutage treten. Ein Briefbeispiel ist die Stelle, wo Berlioz in Weimar des Nachts am Hause Schillers steht und ruft: „Nach und nach hebt sich meine Brust; ich zittere, überwältigt von Ehrfurcht, Leid und den unermesslichen Gefühlen, die der Genius manchmal über das Grab hinaus unbedeutenden Überlebenden einflösst, sinke ich an der niedern Schwelle in die Knie, und leidend, preisend, liebend und anbetend wiederhole ich: Schiller!… Schiller“…Schiller!...“

Ovationen der großen Fangemeinde belohnten die erstklassigen Darbietungen von Nadia Singer und Lutz Görner.

(ptj)
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