Jülich: „Lösungsmittelfreies“ Design aus Jülich in einer Ausstellung

Jülich: „Lösungsmittelfreies“ Design aus Jülich in einer Ausstellung

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Dieser Auslegung von Kunst nach Paul Klee wurden die Designerinnen Sunita Gupta und Pia von Ameln mit ihrer diesjährigen Jahreswerkschau souverän gerecht.

Wie stellt man menschliche Emotionen, Gefühle und die zu lebenswichtigen Entscheidungen treibenden Kräfte dar, ohne diese in literarischer Form zu beschreiben? In der künstlerischen Welt greift man zur Abstraktion oder bemächtigt sich der Symbolik. Nach der letzteren greift auch das seit 20 Jahren in Jülich wirkende Duo, um die Leitidee seiner Ausstellung mit dem Titel „Lösungsmittelfrei“ zu visualisieren.

Die vorangegangenen Vernissagen „Fly“ und „Try 2 Fly“ implizierten teilweise schon den Part „Loslassen“ gemäß des Mottos der diesjährigen Schau. Wie Sunita Gupta bekräftigt „gibt es jedoch kein Loslassen ohne Halt. Man kann nicht loslassen, ohne vorher an etwas bewusst festzuhalten“. Beides existiert nicht voneinander unabhängig, und beides sollte ohne Wertung betrachtet werden.

Ähnlich wie das Licht und der Schatten, Yin und Yang, Tag und Nacht ihre gegenseitige Existenz voraussetzen. Festhalten und Loslassen gehören in der Vorstellung der beiden Künstlerinnen zu den ursprünglichsten Überlebensstrategien des Menschen. Ebenso wie das Streben nach Ewigkeit und die Fähigkeit, den Zauber eines flüchtigen Augenblicks wahrzunehmen.

Diese tiefgründigen Überlegungen schließen sich zur folgenden Botschaft zusammen: „Nur der Moment, in dem man sich rechtzeitig lösen oder festhalten muss, ist wichtig“. Diese Überzeugung wird dem Publikum auf eine erfrischend gradlinige, moderne Art vermittelt.

Scheinbar „völlig losgelöst von der Erde“ schweben die Astronauten im All, präsentiert in einer Reihe von kleinen kastenförmigen Collagebildern. Beim näheren Anschauen stellt der aufmerksame Betrachter jedoch fest, dass sie von sicheren Seilen ihres heimatlichen Raumschiffs festgehalten werden. Tragende, festhaltende oder sich lösende Hände sind eines der trächtigen Symbole für das führende Thema.

Das ausgediente, sich auflösende Türblatt mitten im Ausstellungsraum wirft eine Frage des eigenen, weiteren Seins oder Nichtseins auf. Eine gestrickte Einkaufstasche, deren Maschen sich aufzulösen beginnen, wird auf der Leinwand zum Vergänglichkeitssymbol statuiert.

Zwei nebeneinander an der Wand angeordnete, überdimensionale Abbildungen von Tuben von Festkleber und Lösungsmitteln sind ein bezeichnendes Beispiel für die sinnreiche Einfachheit der künstlerischen Übermittlung. Eine kunstgerechte, bereichsübergreifende Kompilation verschiedener Techniken wie Grafik, Malerei und Fotografie wird hier gekonnt unter einem Gesichtspunkt zusammengeführt und mittels digitaler Computerbearbeitung vollendet.

Die meisten Arbeiten werden von den Designerinnen in harmonischen Pastelltönen gehalten. Meisterlich arrangiert in dem einladenden, luftigen Ambiente der Anwaltskanzlei Beck, bilden sie ein Ensemble der modernen, jedoch für das breite Publikum zugänglichen Kunst.

Die Zuschauer werden hier mit Objekten konfrontiert, die auf ästhetische, erfinderische, manchmal durchaus witzige Art eine künstlerische Vision übermitteln. Das in einigen Werken der vergangenen Ausstellung vorkommende, charmant ironische Zitat: „Manche halten weiterhin daran fest, dass Loslassen die Lösung sei“ von Erhard Blanck, wurde mitunter zu Inspiration für die aktuelle Werkschau.

Während der Vorbereitung von ausgestellten Kompositionen wurde dem künstlerischen Duo schnell klar, dass viele interessante Ideen sich in der Zeit nicht verwirklichen lassen. „Wir haben noch so viele Einfälle, um das Thema weiterzuspinnen, aber bei unserem selbst auferlegten Qualitätsanspruch müssen einige Ideen in der Schublade bleiben“, bedauert Sunita Gupta. „Erst mal!“, vervollständigt Pia von Ameln und meint: „Man lässt es los, aber es ist nicht verloren.“ Diese Aussage lässt die Liebhaber von Werken des Fjell-Design-Duos auf die Fortsetzung im kommenden Jahr hoffen.

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