Linnich: Linnicher Chefarzt schenkt Seniorin das Gehen

Linnich : Linnicher Chefarzt schenkt Seniorin das Gehen

Resmije Senka hat eine Odyssee des Leidens hinter sich. Vor einem Dreivierteljahr hätte ihr kaum jemand zugetraut, dass sie jemals wieder gehen würde. Für die 66-jährige Albanerin ist es immer noch wie ein Wunder, dass sie genau das vor wenigen Tagen erstmals wieder tat: Auf eine Rollator-ähnliche Gehhilfe gestützt, wanderte sie zügig den Flur der Station 2 im Linnicher St.-Josef-Krankenhaus auf und ab. Dieses „Wunder“ verdankt sie dem Linnicher Chefarzt Arjan Mullahi.

Der Facharzt für Chirurgie, spezielle Unfallchirurgie und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie wagte eine Operation, von der er selbst sagt: „Das ist ein sehr schwieriger Eingriff. Dazu braucht man auch als Chirurg Mut.“ Und die Fertigkeit, ein Verfahren anzuwenden, das wenig verbreitet ist und bei dem er auf Knochen von Verstorbenen zurückgreift.

Schon jetzt erlaubt das drahtumwickelte Knochenbündel der Patientin zu gehen. Es wird später die Prothese aufnehmen. Foto: Jonel

Resmije Senka wurden bereits vor 18 Jahren beidseitig Hüftgelenksprothesen eingesetzt. Bereits nach drei Jahren musste die rechte Hüftprothese repariert werden. Es sollte die Schwachstelle bleiben. Im Laufe der Jahre lockerte sich die rechte Prothese und drang aufgrund von Abrieb des Kopfes allmählich ins Becken ein. Von der üblichen Pfanne, in der der runde Kopf der Prothese eingebettet ist, war auf den Röntgenaufnahmen kaum mehr etwas zu sehen. So stark waren die Verwüstungen. Unter unsäglichen Schmerzen konnte Resmije Senka in den zurückliegenden sieben Jahren nur noch an Krücken gehen.

Im Dezember 2017 verschlimmerte ein Sturz mit Bruch des Oberschenkelschafts die Leiden der Seniorin. Sie drohte, gänzlich bettlägerig zu werden. Ihre Familie suchte fieberhaft nach einem Chirurgen, der sich des Falles annehmen würde. Doch weder in Albanien, noch in den Nachbarländern Griechenland und Mazedonien war die Suche erfolgreich.

Lediglich in der Türkei bot ein Arzt an, den gesamten entstandenen Hohlraum im Hüft-Becken-Bereich mit Zement aufzufüllen und darin die Prothese zu verankern. Die Familie verwarf die Methode. Sie fasste bei der weiteren Suche Deutschland ins Auge. „Über Mundpropaganda“ stießen die Suchenden auf Arjan Mullahi, ebenfalls gebürtiger Albaner.

„Im April hatten wir den ersten Kontakt“, erinnert sich der Linnicher Chefarzt. „Schon nach den ersten Röntgenbildern stand fest, dass hier Knochenaufbereitung notwendig wird.“ Und Arjan Mullahi gesteht: „Da dachte ich, dass sie Nein sagen würde.“ Doch die 66-Jährige überraschte den erfahrenen Chirurgen. „Sie sagte, sie habe keine Alternative.“ Die Vorbereitung der schwierigen OP lief an.

Resmijes Tochter Tatjana, studierte Biologin, wurde mit dem Verfahren vertraut gemacht und stand ihrer Mutter zur Seite. In Belgien wurde das benötigte Knochenmaterial bestellt. Das Linnicher Krankenhaus traf alle Vorkehrungen, um die Patientin aufzunehmen — und zwei Begleitpersonen. „OP-Kosten sind festgelegt“, sagte Judith Kniepen.

„Aber solch eine komplexe OP ist kostenmäßig nicht abzubilden“, ließ die kaufmännische Direktorin des St.-Josef-Krankenhauses ahnen, dass in diesem Fall ein kleines Haus zu flexiblen Lösungen vielleicht eher fähig ist. Resmijes Zimmer auf Station 2 wurde zum Familienzimmer für sie, ihre Tochter und Sohn Ilyrian.

Schließlich kam der Tag der Entscheidung. In einer siebenstündigen Operation räumte Arjan Mullahi den massiv zerstörten Bereich aus, entfernte Knochenreste und die alte Prothese. Mit mehreren Knochen bildete er einen Oberschenkel nach, in dem zurzeit ein Stab eingelassen ist. Dieser wird im April 2019 entfernt und hinterlässt die „Röhre“, in die die endgültige Hüftprothese einzementiert wird.

Ebenfalls mit Knochenmaterial ist die Pfanne angelegt, die 2019 den Kopf der Prothese aufnehmen soll. Fixiert wurde der neue „Oberschenkelknochen“ mit zwei langen Schrauben am Becken. Der Heilungsverlauf der Patientin gibt Anlass zu begründetem Optimismus. Nach einem Tag auf Intensiv wurde sie zurück zur Normalstation verlegt. Und schon bald begann die „Operation Gehen“.

Am vergangenen Wochenende, 20 Tage nach der Ankunft in Linnich, reiste die Familie Senka ab, nicht ohne den tiefen Dank an den Operateur, dessen Team und letztlich „das ganze Krankenhaus“. Für Resmije Senka hat Chefarzt Arjan Mullahi das vollbracht, wozu „Götter in Weiß“ fähig sein sollen: ein Wunder.

Mehr von Aachener Zeitung