Lichtblicke zum Ende des Kultursommers in Linnich

Kultursommer in Linnich : Ein klangvoll-leuchtendes Finale

Zum Abschluss des Linnicher Kultursommers gibt es illuminierte Lichtblicke und neue Einblicke. Zum Beispiel mit einer spannenden Nachtwächterführung durch die mittelalterliche Stadt.

Sie kamen aus der Dämmerung und sie waren sehr viele, die sich auf dem einstigen Königshof der merowingischen Herrscher versammelt haben. Aus dem Inneren der St. Martinus Kirche strömten weitere Menschen hinzu. In dem altehrwürdigen Gotteshaus wurden sie bereits durch meditative Orgelklänge (Kantor Thomas Offergeld) und monumentale Lichtspiele in mystische Sphären versetzt. „Sind es die Linnicher Lichtblicke, welche diese lichtscheuen Gestalten zur Sperrstunde auf diesen Kirchplatz treiben?“ So befragte der städtische Nachtwächter alias Stefan Helm kraft seines Amtes die Versammelten. Voller Begeisterung und mit lautem Wunsch nach Abenteuern wurde die Frage bejaht.

Abenteuerlust

Zum Auftakt von „Linnichs Lichtblicken“ eröffneten Bina Placzek-Theisen und Wilfried Theisen die Fotoausstellung „Skulpturenweg 2009-2019“ im Glasmalerei Museum. Foto: Marzena Vomberg

Mit der großen Schar der Abenteuerlustigen zeigte sich der nächtliche Stadtführer „nicht bloß zufrieden, sondern überwältigt und überfordert“. Das letztere wohl nicht ernst gemeint. Mit seiner souveränen Art eines fabelhaften Geschichtenerzählers hätte er all seine Anhänger nicht nur durch die Stadt führen, sondern – wie der Rattenfänger von Hameln – gleich aus der Stadt herausführen können. Gut 100 Personen folgten ihm ebenso vertrauensvoll durch die Dunkelheit der verborgenen Brandgassen wie durch die märchenhaft illuminierte Stadtkulisse.

Die Attribute eines Nachwächters haltend (Schlüsselbund, Hellebarde und Laterne) erzählte der „Verbündete der Nacht“ von seinem „ehrlosen“ Beruf, der seit der Stadtbefestigung 1392 „ganz unten mit den Henkern und den Totengräbern an der Kette stand“, bis er 1820 mit den ersten Straßenlaternen verschwand. Auf dem Weg zum Altermarkt lauschten seine Begleiter gebannt den Geschichten vom mittelalterlichen Linnich. Die Bewohner lebten damals in ständiger Angst vor einem, wenn einmal entflammten, dann verheerenden Stadtbrand. Die einst in Linnich errichteten Brandgassen sind bis heute erhalten.

Stefan Helm lud zu einer Nachtwächterführung ein. Foto: Marzena Vomberg

Ohne Kanalisation war die Ortschaft vom üblen Gestank durchströmt. So entstand aus der Not ein weiterer „ehrloser“ Beruf, der der Abtritt-Anbieterin oder auch „Madame Toilette“ genannt. Anstatt direkt auf der Straße konnte man unter ihrem wallenden Mantel die dort verborgenen Eimer benutzen. Lavendel und duftende Kräuter auf der Brust sowie eine Gesichtsmaske schützten „Madame“ vor dem schlechten Geruch und menschlichem Spott.

Nicht nur den Kindern ist beim Anblick des Altermarkts ein begeistertes „Wow“ entglitten. Purpurrot und voller Anmut präsentierte sich die Evangelische Kirche in der Nachbarschaft des in Violett getauchten Heimatsmuseums. Hier erzählte der Nachtwächter von einer großzügigen Schenkung des Jülicher Herzogs Wilhelm V. 1571 erhielt Linnich an dieser Stelle die Pferdemarktrechte. Noch im Jahre 1912 konnte man auf dem Jahresmarkt aus rund 2000 Pferden das prächtigste auswählen.

Glanzvolle Illumination

Passend zu einem Markt und zu der Jahreszeit ertönte in der evangelischen Kirche ein „Nachklang zu Erntedank“, durch Andreas Herzog auf der barocken Orgel gefühlvoll interpretiert. Anschließend begleiteten auch diese Konzertgäste den Nachtwächter beim letzten Teil seines Rundgangs. Mit glanzvollen Illuminationen empfingen „magische“ Bäume die Stadtwanderer entlang der West- und Nordpromenade. Der mit Licht und Farbe „verzauberte“ Skulpturengarten lieferte zur vorgerückten Stunde unvergessliche Eindrücke, und mit ein bisschen Glück konnten die Musikliebhaber auch jetzt noch einen Platz im gut besuchten Glasmalerei-Museum ergattern.

Der Stadtmarketingverein „Wir in Linnich“ verabschiedete den „Linnicher Kultursommer“ mit einem klangvoll-leuchtenden Finale und doch mit einigen Überraschungen. Neben der erfolgreichen Nachtwächterführung konnte in Kooperation mit dem Glasmalerei-Museum und dank des Engagements der Initiatoren Bina Placzek-Theisen und Wilfried Theisen eine Vernissage der Fotoausstellung „Skulpturenweg 2009-2019“ mit vielen Gästen gefeiert werden. 42 abgelichtete Kunstwerke von 42 Künstlern können noch bis zum 27. Oktober als Reminiszenz an sonnige Tage im Museum bewundert werden.

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