Jülich: Lesung aus „Efeukranz und Weinranke“

Jülich: Lesung aus „Efeukranz und Weinranke“

Mit der Lesung eines noch unveröffentlichten Romans boten Stadtbücherei und Förderverein Stadtbücherei ihren zahlreich erschienenen Gästen eine Veranstaltung mit Seltenheitswert. In der zugleich ersten Lesung im Untergeschoss der Bücherei stellte Martina Kreßner ihren zweiten Roman „Efeukranz und Weinranke“ vor, dessen Handlung im vierten Jahrhundert in der Übergangsphase von der Römerzeit zur Frankenzeit in Köln angesiedelt ist.

Als Autorin ist die Pfarrersgattin, die Theologie, Geschichte und Pädagogik studierte, bereits bekannt. Schon 1993 zeichnete sie in ihrem Roman „Lebenssplitter“ mit psychologischem Instinkt und erzählerischem Know-how ein faszinierendes Porträt dreier Frauengenerationen und ganz nebenbei ein schillerndes Panorama des 20. Jahrhunderts.

Bei ihrem nächsten, erst 23 Jahre später druckreifen Werk wollte sie natürlich jegliche Wiederholung vermeiden und deshalb „nichts schreiben, was mit dem ersten Buch zu tun hat“. Die Idee zum zweiten Roman, der vor 1650 Jahren in Rom, Trier und Köln spielt, hatte Kreßner, die historische Romane liebt, „im Unterricht mit ihren Oberschülern“. Allerdings war „die Recherche sehr viel Arbeit, hat mir aber großen Spaß gemacht“, wie sie betonte.

Themengebend ist das wortgewandt beschriebene, um 220/230 nach Christus ausgeführte, über 70 m² große Dionysos-Mosaik mit Szenen um den Gott des Weines sowie mit Tier- und Fruchtbarkeitsdarstellungen. Es zierte einst das Triklinium (römischer Esstisch) eines römischen Peristyl-Hauses (mit einem von Säulen umgebenden Innenhof) im Nordosten der Colonia Claudia Ara Agrippinensium und wurde 1941 bei Ausschachtungsarbeiten an der Südseite des Kölner Doms entdeckt.

Die Handlung in „Efeukranz und Weinranke“ spielt zum Teil in dem Kölner Haus, das das Dionysos-Mosaik beherbergt. In Kreßners Roman ist nach eigenem Bekunden „alles zu finden, Mord und Totschlag, Intrigen und Liebe“. Das Buch ist interessant, vielschichtig, mit detaillierten Beschreibungen und wie Kreßners Erstlingswerk mit feinem psychologischem Gespür geschrieben.

Die Darstellung der politischen Umbruchzeit des vierten Jahrhunderts wird dem Leser fesselnd näher gebracht. Protagonistin ist die zu Beginn der Handlung 15-jährige Römerin Aurealia, Tochter des strengen und traditionsbewussten römischen Senators Claudius. Letzterer widersetzt sich vehement Aurelias geplanter Heirat mit dem schönen und reichen Emilius, bis ihm sein baldiger Ruin bewusst wird.

Weil er aber den Bewerber seiner Tochter zunächst zurückgewiesen hat, verhindert dessen Vater aus Rache die für den Senator so wichtige und von langer Hand akribisch vorbereitete Hochzeit — mit einer durch einen Boten überbrachten versiegelten Papyrusrolle. Der dramatische Zwischenfall hat den ersten Tod der Handlung zur Folge, den des Senators, der vor Schreck tot umfällt.

Nachdem „eine Horde Germanen die starke Grenze überwunden hatte, wurde die römische Welt eine andere“. Die Episode der fränkischen Belagerung und Eroberung erwies sich nämlich als „Katastrophe des römischen Lebens“.

Armut und Überfluss

Über die (Ohn)Macht menschlicher Imperatoren philosophiert die inzwischen erwachsene Aurealia in Köln mit dem kaiserlichen Offizier Ammian, der „die Geschichte Roms schreiben will“. Aurealia ist allerdings auf die wahre Geschichte bedacht. „Ist es möglich, dass Armut und Überfluss so dicht nebeneinander wohnen, ohne dass es zum Konflikt kommt“, fragt sie und beleuchtet einen weiteren Aspekt: „Was gilt? Ist Zeit nicht gleich Zeit? Menschen bewegen sich in verschiedenen Zeiten, auch in verschiedenen Welten?“

Für den anschließenden Austausch mit dem Publikum hatte die gerade wiedergewählte Fördervereinsvorsitzende Elisabeth Vietzke passend zum Roman „weißen Hessenwein“ gekauft, denn sie wollte „nichts importieren“. Die begeisterten Zuhörer der Premiere hoffen nunmehr gemeinsam mit Martina Kreßner auf eine baldige Romanveröffentlichung.

(ptj)