Jülich: Lazarus Strohmanus: Höhenflüge im kurzen Leben

Jülich: Lazarus Strohmanus: Höhenflüge im kurzen Leben

Geboren wurde er kurz vor Silvester vergangenen Jahres. Zwei Wochen später erfolgte die Taufe. Sein kurzes, aber ereignisreiches Leben beschloss er nach Qualen in der Nacht von Veilchendienstag auf Aschermittwoch. Eine strafrechtliche Verfolgung wird unterbleiben, alle waren mit seinem Ende einverstanden. Sein Name: Lazarus Strohmanus.

Zum 313. Mal zog die Gesellschaft am Dienstag durch die Stadt, ließ Einwohner, Gäste und Freunde an der Zeremonie teilhaben. Beim „Precken“ war hohe Konzentration angesagt, sonst wäre Strohmanus nicht wieder sicher im Tuch gelandet. Diese Präzision beherrschen seine Jünger jedoch, die haben sie trainiert. Da sitzt jeder Griff, alle Bewegungen erfolgen im Gleichklang. Bei „Drei“ gehen die Männer am Tuch in die Hocke, die eine oder andere Hose spannt sich dabei.

Beim Tanz kann Lazarus Strohmanus Jülich und die (noch) heile Welt betrachten.

Doch dann kommt die befreiende Bewegung nach oben, das Tuch wölbt sich unter Himmel und Strohmanus tritt seinen Flug an. Doch nur kurz kann er den Blick aus der Höhe genießen, dann folgt der freie Fall ins Tuch. Drei Mal wird gepreckt, dem Lazarus dürfte schlecht geworden sein dabei.

„Wir trainieren immer für unseren Auftritt“, erklärte Präsident Heinrich Ningelgen mit einem Augenzwinkern. „Wir trainieren heute für nächstes Jahr!“ Sprach‘s und schleppte hochprozentige Flaschen für die Mannschaft, damit der lange Tag nicht trocken verlaufen musste. Denn der Veilchendienstag fordert den Lazarusbrüdern einiges ab. Über 30 Stationen im Stadtgebiet werden anmarschiert. Öffentlichen Gebäude, Wohnhäuser von den Brüdern oder Ehemaligen.Und jedes Mal fliegt der arme Strohmanus. Immer wird der Höhenflug dabei eingeleitet mit einem „Gebet“.

„Wir sagen den Stadtvorderen, was sie auf dem Kerbholz haben“, machte der Präsident unmissverständlich klar, musste aber grinsend eingestehen: „Die hören uns nur nicht zu.“ So weckte die Verhinderung der Altweiberfeier im Sparkassenvorraum durch das Bauamt der Stadt nur verständnisloses Kopfschütteln. Als nun Lazarus Stohmanus anrückte, stand der Vorraum für die Gäste offen.

Mit etwa 50 Aktiven zog die Brauchtumsgesellschaft durch die Stadt und preckte. Eine große Kapelle in zwei Teilen sorgt ständig für die entsprechende musikalische Unterstützung. Die übrigen Brüder tanzen um die Puppe und schwenken ihre Besen im rhythmischen Auf und Ab. Die Gesellschaft nimmt nicht nur Jülicher in ihre Reihen auf, das erklärt ihren Bekanntheitsgrad weit über die Stadtgrenzen hinaus. „Wir haben sogar einen Düsseldorfer in unseren Reihen“, gestand Ningelgen gespielt zähneknirschend und lachte: „Der einzige, der Hochdeutsch kann.“

Am Abend nehmen sie Strohmanus die Kleider, schließlich stürzen sie ihn von der Brücke in die Rur. Mit klagenden Gesängen wird der Winter vertrieben.

(tm)
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