Landschaftsmalerei, Kameen und ein Rundgang zu Orten jüdischen Lebens

Internationaler Museumstag : Von der Synagoge zu Kaiser Augustus

Zahlreiche Besucher nutzten am Sonntag den freien Eintritt, um die neuen Angebote in den Museen zu besichtigen. Im Deutschen Glasmalerei-Museum Linnich wurden fünf neue interaktive Stationen und ein neues Museumskonzept vorgestellt (wir berichteten), im Museum Zitadelle warten zwei neue Ausstellungen auf die Besucher und im LVR-Kulturhaus der Landsynagoge Rödingen wurden neue Forschungsergebnisse zu den Nachfahren der Familie Ullmann vorgestellt.

In Jülich erkundeten viele Besucher zunächst das Gelände der Zitadelle auf eigene Faust, andere schlossen sich fachkundigen Führern an. Trotz angenehmen Frühlingswetters zog es viele Geschichtsinteressierte in den Schlosskeller. Dort erwarteten sie, etwas versteckt, faszinierende Kostbarkeiten.

In einem abgelegenen Bereich der Katakomben der Zitadelle, die für sich alleine bereits einen Besuch wert sind, fanden die Besucher eine Ausstellung von Nachbildungen wunderbar geschnittener und verzierter Steine mit Motiven und Abbildungen aus der Antike, der sogenannten Gemmen und Kameen. Gemmen beschreiben als Oberbegriff diese einzigartige Kunstform. Der Begriff „Kameo“ steht hierbei für die erhaben gravierten Edelsteine, während „Intaglio“ eine vertieft geschnittene Reliefdarstellung bezeichnet. Der professionelle Edelsteingraveur Gerhard Schmidt erstellte unter großem Aufwand und meisterhaftem Können diese Repliken der weltweit in Museen und im Privatbesitz verteilten historischen Originalstücke.

Fertigkeit ging verloren

Der Filigrankünstler aus Idar-Oberstein kümmerte sich im Vorfeld persönlich um die fachgerechte Handhabe seiner äußerst empfindlichen Preziosen. Aus gebändertem Achat, den er aus Brasilien bezieht, schneidet Schmidt die antiken Kunstwerke detailgetreu nach und ermöglichte so bereits viele praktische Erkenntnisse zur damaligen Art der Herstellung. Eine Fertigkeit, die nach der Antike bis ins 19. Jahrhundert hinein völlig verloren ging. Kaum einer der antiken Meister dieser Kunst ist uns heute mit Namen bekannt.

Unter dem strengen Blick der Kaiser-Augustus-Büste bestaunten die Besucher die Kunstwerke. Foto: Jakub Drogowski

In der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts erreichte die Kameen-Kunst unter Kaiser August ihre Blüte. Dementsprechend häufig findet sich dessen damals propagandistisch idealisiertes Konterfei auf den kleinen Kunstwerken. Einen Katalog mit ausführlichen Erläuterungen zur Herstellung von Gemmen und Kameen sowie der historischen Einordnung der abgebildeten Motive will das Museum in Zusammenarbeit mit Gerhard Schmidt bis Mitte des Jahres Veröffentlichen. Die Ausstellung läuft bis zum 3. November.

Nachdem sie aus dem kühlen Schlosskeller gefunden haben, konnten sich die Museumsbesucher ins höher liegende Pulvermagazin begeben. Dort konnten sie die Präsentation „Landlust“ bestaunen. Eine Ausstellung von Werken der im 19. Jahrhundert hoch angesehenen Düsseldorfer Malerschule unter der Führung des Jülicher Malermeisters Johann Wilhelm Schirmer. Diese trug dazu bei, dass in jener Zeit die Landschaftsmalerei zu einer eigenständigen Kunstform aufstieg. Die romantischen und überwältigend plastisch wirkenden Gemälde fanden ihren Weg ins Museum Zitadelle dank des großen Engagements des Museumsleiters Marcell Perce und seiner Mitarbeiter. Die Ausstellung „Landlust“ ist ebenfalls bis zum 3. November 2019 geplant.

„Zukunft lebendiger Traditionen“, diesem Motto des Internationalen Museumstages wurde auch das LVR-Kulturhaus in Rödingen gleich in mehrfacher Hinsicht gerecht. Nach zwei Rundgängen durch das Kulturhaus stellte Judaistin Monika Grübel in einer eigens für den Museumstag erarbeiteten Führung Nachfahren der Rödinger Familie Ullmann vor. Diese besuchten in den letzten Jahren aus aller Welt die Synagoge, nämlich aus Amsterdam, Argentinien, Israel und Kanada. Zur Besuchergruppe am Museumstag zählte auch eine 50-köpfige Abordnung aus der Synagogengemeinde Köln.

Besagte Präsentation reichte von der Urenkelin des Synagogenstifters Isaak Ullmann, Ellen Eliel-Wallach, bis zum heute 48-jährigen, in Argentinien geborenen Claudio Rusansky und seinen beiden Kindern Arava (17) und Rem (15). Ellen Eliel-Wallach überlebte Auschwitz, wo sie den Zwillingen Edith und Inge Ullmann vor ihrer Vergasung begegnet war. Rusansky ist Ur-Ur-Urenkel von Abraham Ullmann, älterer Bruder des Synagogenerbauers. Er wusste bis vor einigen Jahren nichts von der Familiengeschichte mit Bezug auf die kleine Landsynagoge im fernen Deutschland, bis Grübel ihn im Zuge ihrer Recherchen im Familienbuch Euregio ausfindig machte.

Ferner halten die LVR-Mitarbeiter die Erinnerung an die Verstorbenen lebendig, indem sie die Grabinschriften online stellen und sie so jedem Interessierten barrierefrei zugänglich machen. Der jüdische Friedhof war gleichzeitig Höhepunkt der Dorfführung mit Hubert Rütten. Dort steht eine der drei Rödinger Stelen. Das sind 2,30 Meter hohe, aufwändig gearbeitete Stahlkonstruktionen in Form eines ungleichmäßigen Trapezes.

Informationen an den Stelen

Gekennzeichnet mit laufenden Nummern und einem halbkreisförmigen, dreifarbigen Symbol an der Stelenseite, sind die „Guckkästen“ mit reichlich Bild- und Informationsmaterial ausgestattet, mit QR-Code für Smartphone-Nutzer, mit Ortsplan und zwei Info-Zeilen in Blindenschrift. Stele Nr. 1 ist „Befundfenster“ für die nahezu im Originalzustand erhaltene Landsynagoge, die zweite Stele am Corneliuskapellchen mit der Bezeichnung „Judengasse“ lenkt den Blick auf die „Skyline“ der Klosterstraße, die von 1672 bis 1934 ganz selbstverständlich „Jüttejass“ hieß, wie Rütten es ausdrückte.

Das dritte Guckfenster steht auf dem mit einer Mauer eingefriedeten Friedhof, der im Hebräischen „Haus der Ewigkeit“ genannt wird, weil er nach jüdischem Verständnis niemals aufgelöst werden darf. Er lenkt den Blick direkt auf den floral verzierten Grabstein mit Davidstern des Handelsmanns Philipp Horn, der im April 1821 in Rödingen geboren wurde. Hier verweist der QR-Code auf eine Datenbank „des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte in Essen. Sie bietet eine wissenschaftlich fundierte Übersetzung der Grabinschriften, Informationen zu den Biografien der Verstorbenen mit Hinweisen auf Familienzusammenhänge und weiterführende Literatur.

Zukunft mit Vergangenheit

„Back to the fatherland“ hieß schließlich der in der Synagoge gezeigte Film über Heimat, Erinnerungskultur und Zukunft, bei denen Gil Levanon und Kat Rohrer Regie führten. Einige Protagonisten aus der dritten Generation wollen sich eine Zukunft schaffen, ohne die Vergangenheit zu ignorieren. Der Film setzt sich mit der Frage auseinander, wie Überlebende der Schoa damit umgehen, wenn ihre Enkel Israel verlassen und nach Deutschland oder Österreich auswandern. Ein Beispiel ist Dan, ein junger Bildhauer, der nach Berlin gezogen ist. Als seine 91-jährige Großmutter Lea das nicht versteht, lädt Dan sie zu einer gemeinsamen Reise in ihre alte Heimatstadt Berlin ein.

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