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Jülich: „Lafontaine gehört wieder nach Berlin”

Jülich : „Lafontaine gehört wieder nach Berlin”

Gewerkschaften haben auch heute noch ihre Daseinsberechtigung. Davon ist Willi Uhlig (92) aus Jülich überzeugt. Die Interessensvertretung der Arbeitnehmer sei schließlich eines der wichtigsten Tarifgesetze. Doch überzogene Forderungen bewegen Mitglieder zum Austritt.

Durch und durch Sozialdemokrat und Gewerkschaftler. So sieht sich der 92-jährige Willi Uhlig aus Jülich, ältestes SPD-Ortsvereinsmitglied. Im Interview mit Helmut Schiffer machte er unter anderem eines deutlich: Wenn die SPD es nicht schafft, innerhalb der nächsten Monaten die anstehenden Reformen umzusetzen, „dann werden wir nie mehr in Berlin das Sagen haben”.

Sie sind bereits 1926 in die SPD eingetreten. Warum gerade diese Partei?

Uhlig: (lacht) Mein Vater war Schlosser, war 35 Jahre in Chemnitz Hauskassierer bei der Gewerkschaft. So bin ich aufgewachsen und erzogen worden. Im letzten Schuljahr bin ich schon Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend geworden. Und direkt vom ersten Lehrtag an - ch habe Maurer gelernt - gehörte ich zur Gewerkschaft. Und dies bis auf den heutigen Tag. Mit 15 Jahren bin ich dann auch in die SPD eingetreten.

Konnte man damals während oder nach dem Krieg überhaupt in irgendeiner Art politisch tätig sein?

Uhlig: Während des Krieges war ich beim Polizeiregiment Süd, weil ich mich dorthin gemeldet hatte. Da war jede politische Tätigkeit verboten. Nach 1945 wollte ich weiter Polizist sein, bin dann nach Chemnitz zurück, konnte auch anfangen. Als ich dann die Wendemäntel schon dort sah, die Kommunisten, da, habe ich gesagt: Nein, das machst du nicht mit, dann gehst du lieber wieder auf den Bau.”

Sie sind dann in Jülich ansässig geworden, sind dort 1946 in den Ortsverein eingetreten

Uhlig: Ich habe zuerst die Zuckerfabrik mit aufgebaut, dann das Krankenhaus. Dort lernte ich Bürgermeister Hommel, Sozialdemokrat, kennen. Und schon war ich wieder in einem Ortsverein. Ich habe Wahlkämpfe mit gemacht, aber nie in verantwortlicher Tätigkeit. Einmal war ich für eine Legislaturperiode Ratsmitglied. Aber ohne Ausschusszugehörigkeit.

Wie gestaltete sich denn ihre damalige gewerkschaftliche Tätigkeit?

Uhlig: Einmal Gewerkschaftler, immer Gewerkschaftler. Man muss die Zugehörigkeit in der Lohntüte sehen, man muss finanziell auf etwas verzichten für den Beitrag. Dies ist immer meine Grundeinstellung gewesen. Ich habe 25 Jahre lang in Aachen bei Goffarth und Münstermann gearbeitet, war zwei Jahre als Betriebs- ratsvorsitzender frei gestellt. Und wenn ich dann auf die Baustellen kam, wurde man schon als Funktionär mit mehr Geld angesehen. Aber da habe ich immer meinen Lohnstreifen gezeigt. Da war nicht mehr Geld darauf als bei einem Maurer. Ich wollte nie etwas Besseres sein.

Hat die Gewerkschaft denn heute überhaupt noch eine Daseinsberechtigung?

Uhlig: Ja natürlich, auch wenn heute die Aufgaben eine andere sind. Ich verstehe, wenn Hunderttausende uns den Rücken kehren, austreten. Übertriebene Forderungen hier, dort die Sorge um den Arbeitsplatz. Viele fühlen sich dann nicht mehr vertreten.

Eine Frage muss man aber einem Sozialdemokraten stellen. Macht Bundeskanzler Gerhard Schröder eine gute Politik?

Uhlig:Ich finde schon, dass Schröder seine Sache gut macht. Er ist mutig, muss aber die Reformen durchbringen, sonst werden wir nie mehr in Berlin das Sagen haben. Aber an einen Helmut Schmidt oder einen Willi Brandt kommt er nicht heran.

Und was halten Sie von einem Oskar Lafontaine?

Uhlig: Sehen sie, er hat meine Urkunde wegen 50-jähriger Mitgliedschaft persönlich noch als Parteivorsitzender unterschrieben. Und er gehört wieder nach Berlin.