Inden/Altdorf: Kunst-Projekt „Alte und Neue Heimat“: Hungersnot und Millionen Veilchen

Inden/Altdorf : Kunst-Projekt „Alte und Neue Heimat“: Hungersnot und Millionen Veilchen

Kindheitserinnerungen sind für viele Menschen das kostbarste Gut im Leben. Sie können in schwierigen Situationen Halt geben und zu einem mentalen Zufluchtsort reifen. Manchmal jedoch sind sie voller traumatischer Erlebnisse, die dank des menschlichen Selbsterhaltungsmechanismus verdrängt werden.

Der Ort der Kindheit ist eines Menschen Heimat, doch oft muss er verlassen werden. Mit dieser Thematik befasst sich ein Projekt des Asylkreises Inden mit künstlerischer Begleitung von Maria Therese Löw. „Alte und Neue Heimat in Malerei und Texten“ ist eine Initiative für Jung und Alt. Ein kreatives Konzept für Menschen, die in Deutschland geboren wurden und für diejenigen, die aufgrund ihres Schicksals gezwungen waren, eine neue Heimat zu suchen.

Das bereits zweite von vier im Rahmen des Projektes geplante Treffen erfreute die Organisatoren mit weit größerer Teilnehmerzahl als es beim ersten Termin der Fall war. Kinder und Jugendliche, Erwachsene und Senioren aus verschiedensten Weltregionen saßen am Frühstückstisch beisammen und hörten einander zu. Ein hoffnungsvolles Bild der Alters- und Ländergrenzen übergreifenden Integration. Die Künstlerin Löw erklärte zum Anfang den schöpferischen Aspekt der Idee, die sie alle zusammenbrachte. Aus dem Erlebten oder dem im Laufe der Zusammenkünfte Erfahrenen sollten am Ende in Worte oder Bilder gefasste Werke entstehen. Werke die diese Schicksalsgeschichten untermalen. Eine Ausstellungseröffnung am 16. März wird die Arbeiten breiterem Publikum präsentieren.

„Der Krieg war blöd“

Die ersten, noch etwas schüchtern vorgetragenen Erinnerungen kamen von den Kindern und Jugendlichen. Ryam aus Ostsyrien, die vor zwei Jahren als 15-jährige nach Deutschland kam, freut sich, hier viele gute Menschen kennengelernt zu haben. An alle diese Menschen richtet sie ihren Dank, doch „Syrien war alles“ für sie. Immer noch hat sie die Hoffnung, in die Heimat zurückzukehren, aber wie sie sagt: „Das Leben geht weiter und man soll sich integrieren“. Die 13-jährige Dana vermisst ihre Heimatstadt Damaskus. „Syrien war so wunderschön, wir haben so viel Schönes gemacht“, sagt sie traurig und erwähnt ihre Großeltern und Freunde, die ihr sehr fehlen. „Hier habe ich aber auch schon neue Freunde“, fügt sie gleich hinzu und in ihr Gesicht kehrt wieder ein Lächeln zurück. Fars, ein 15-jähriger Junge aus Syrien, findet Deutschland „toll“ und erzählt voller Elan von seinen schulischen und beruflichen Plänen.

Er hat sehr schöne Erinnerungen an seine alte Heimat und vermisst wie die anderen seine dort gebliebenen Verwandten und Freunde. Fars würde diese sehr gerne wenigstens besuchen dürfen. Lana, ein kleines Mädchen aus Damaskus, möchte gerne zurück nach Hause. „Der Krieg war blöd, aber dort sind unser Haus und meine Großeltern“, sagt sie. Sie möchte wieder in Syrien leben, würde aber Deutschland gerne besuchen, weil hier auch „die Kinder nett zu ihr sind“. Das sind die Wünsche der kleinen Lana, die, wie ihre Mutter Lubna Zaidan leise erzählt, heute noch bei jedem Motorengeräusch eines Flugzeugs zusammenzuckt und beim Sirenenklang panisch den Schutz ihrer Eltern sucht.

„Sie hat Bombardierungen erlebt, kurz vor der Flucht waren wir fast nur noch im Keller“, sagt Lubna. Sie ist vor zwei Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen, damit die Kinder in die Schule gehen können und damit ihr Mann nicht wie der 70-jährige Vater verhaftet wird.

Kleiner Mohamed aus Afghanistan

Der kleine Mohamed aus Afghanistan, dessen schwer kranke Eltern Hilfe in Deutschland gesucht haben, bleibt sehr lange still. Dann sagt er mit unbewegtem Gesicht, dass er „sehr die Großeltern und die Sonne“ in seinem Land vermisst. Es gibt bei diesem Treffen noch weitere Kinder und junge Menschen aus Syrien, Eritrea und aus dem Irak. Sie erzählen nichts. Sie schweigen und lauschen aufmerksam den Geschichten.

Auch der Geschichte von Agata Gedert, einer Deutschrussin, die 1993 nach Deutschland übersiedelte. Die ersten 52 Jahre ihres Lebens verbrachte sie im weiten Sibirien. Es sind keine schönen Erinnerungen. Sie erzählt von der eisigen Kälte im Haus, das von den Sowjets bei der Verhaftung ihres Vaters geplündert wurde. Vom Hunger, der selten gestillt werden konnte mit den im Schnee gefundenen Kartoffeln. Von Holzschuhen und fehlenden Anziehsachen. Sie erinnert sich an das Elend des Zweiten Weltkrieges und die unmenschliche Zwangsarbeit in der Sowjet Union. Das einzige schöne, was sie aus ihrer Kindheit mitgenommen hat, sind die Gedanken an ihre Mutter. Diese hat sie und ihre neun Geschwister vor dem Hungerstod gerettet. Dank ihr haben alle das Grauen überlebt.

Frau Hoffmann kam 1968 mit 18 Jahren nach Deutschland. Als Gastarbeiterin ohne Sprachkenntnisse wurde sie anfangs von den Ordensschwestern in Köln unter deren Fittiche genommen. Das Leben in der neuen Heimat war zu Beginn nicht immer einfach. Es hat einige Narben hinterlassen. Auch deswegen möchte sie den anderen, heute noch „Fremden“, bei der Integration helfen. In ihren Erinnerungen besucht sie gerne einen Wald in ihrer alten Heimat Serbien. Der Duft von Millionen Veilchen auf der Lichtung dort begleitet sie heute noch immer. Dieses Bild würde sie gerne malen.

Zu dem Treffen heute haben sich bereits weitere Teilnehmer angemeldet. Das Frühstück in der AnziehBAR bringt dann erneut rührende, traurige aber auch schöne Lebensgeschichten ans Licht, die am Ende des Projektes künstlerisch erfasst werden.