Konstruktiver Dialog beim Tag der offenen Tür im islamischen Zentrum Jülich

Dialog in Jülich : Konstruktiver Dialog im islamischen Zentrum

Der Verein Islamisches Zentrum Jülich bekam beim „Tag der offenen Tür“ in seinen Räumen im Heckfeld reichlich Besuch. Interessierte schauten sich um und nutzten die Möglichkeit zum freien Gespräch bei frischem Minztee und kulturtypischen Speisen.

Mit wechselnder Besetzung waren stets mindestens 30 Personen beteiligt. Gastgeber und Gäste tasteten sich respektvoll vor, um vermeintliche Gegensätze zwischen Christentum und Islam zu besprechen und gegebenenfalls aufzulösen.

Erfragt man sich den Weg zum Zentrum, gelegen auf dem Grundstück der ehemaligen Jugendverkehrsschule im Heckfeld können die Unsicherheiten bewusst werden, die in der heutigen Zeit bestehen. Eine Frau wendet sich ab, sobald das Wort Islam fällt, einem Herrn brennt der Satz „Ich bin kein Muslim!“ auf den Lippen, andere wiesen einfach den Weg. Dort angekommen wird man freundlich empfangen und mit einem Getränk versorgt. Die Schuhe müssen im Eingang verbleiben.

„Zum Verein gehören momentan etwa 30 bis 35 aktive Mitglieder, während Jülich schätzungsweise 1000 Muslime beherbergt. Eigentlich ist niemandem der Beitritt verwehrt, einzig eine gültige Aufnahmegenehmigung ist Grundvoraussetzung. Einfach so, oder gerade zum Beten, ist aber natürlich jeder willkommen. Wichtig ist uns auch, dass wir keine Unterstützung aus dem Ausland akzeptieren, wodurch uns auch keine Orientierung nahegelegt werden kann. Unser Traum wäre natürlich eine richtige Moschee, aber das ist ein enormes Projekt, und momentan sind wir froh, wenn wir neben den laufenden Kosten etwas beiseite legen können.“, sagte Bakkar Bilal, Vereinsmitglied und zugleich Teil des Integrationsrates der Stadt Jülich, zur Organisationsform und den Plänen.

Im Gespräch wurde festgestellt, dass das Grundanliegen, nämlich Kindern Moral durch Geschichten und Erzählungen zu vermitteln, beiderseits identisch ist. Dazu wurde angemerkt, dass der Begriff Koranschule durch Praktiken einzelner Moscheen im Ausland (z. B. Erziehung durch Ohrfeigen), die in den Medien übermäßige Aufmerksamkeit erlangen, negativ besetzt ist. Ein älterer Herr bemerkte: „Eigentlich könnte man die Kirche ebenfalls als Bibelschule bezeichnen. Konfirmation oder Kommunion folgt demselben Prinzip. Letztendlich soll jeder so handeln, wie es sinnvoll ist und wie es der Menschheit nützt.“

Viel besprochen war das aufgeladene Thema der Stellung der Frau im Islam und die zugehörige Kopftuchdebatte. Nachdem die Stimmung durch die direkte Antwort „Also grundsätzlich ist es so: Wir lieben Frauen.“ aufgelockert wurde, gingen Vereinsmitglieder tiefergehend auf die Angelegenheit ein: „Frauen sind wirklich sehr geehrt im Islam, eigentlich haben sie sogar mehr Rechte als Männer: Nach einer Heirat soll die Frau nach Tradition keinen Beitrag zum Unterhalt zahlen müssen. Und das kommt nicht mit Einschränkungen, sie kann trotzdem selbst arbeiten gehen und hat den Verdienst zur freien Verfügung. Ebenso verhält es sich mit den Kopftüchern: Die Frauen dürfen selbst wählen, ob sie ohne Verschleierung herumlaufen oder sogar die Vollverschleierung tragen, die in Deutschland oft zu komischen Blicken führt.“ Eine Besucherin entdeckte auch hier ein mögliches Gegenstück in der christlichen Geschichte. Sie beschrieb den größtenteils abgelegten Hutkult, der noch im ungeschriebenen Gesetz fortlebt, dass man in einer Kirche keine Kopfbedeckung tragen sollte. Auch die spät eingetretenen Universitäts- und Wahlrechte für Frauen in Europa wurden angesprochen.

Auf die Frage, wie man sich auf der Straße, im alltäglichen Leben, begegne, antwortete Syed M. Qaim, ein aus Pakistan stammender Wissenschaftler und Urgestein der islamischen Szenerie in Jülich: „Jülich ist schon immer sehr international gewesen. Die Stimmung ist hier sehr, sehr offen und freundlich, und ich bin sehr zufrieden. Nur in den letzten fünf oder sechs Jahren hat sich dies ein wenig getrübt, aber zu wirklich negativen Erfahrungen ist es nie gekommen.“ Ein anderer Herr fügt an: „Genau. Früher wurde man angelächelt, die Leute sind auf einen zugekommen und haben sich erkundigt, wer man eigentlich ist. Jetzt existieren Vorurteile, die durch Medien und Politik verstärkt werden. Diese gilt es abzubauen.“

So empfindet auch Elisabeth Vietzke, Presbyterin der evangelischen Gemeinde Jülich, deren Mann durch langjährige Freundschaft mit Herrn Qaim verbunden ist: „Nachdem ich die Ereignisse um die DITIB-Moschee in Köln verfolgt habe, dachte ich, dass hier in Jülich eine bessere Situation vorliegt. Es ist sehr wichtig zu zeigen, dass man es begriffen hat. Meines Erachtens nach sind allerdings trotz der hohen Besucherzahl nur wenige aus den direkt angrenzenden Häusern vorbeigekommen.“

Dazu wird es in Zukunft aber noch einige Gelegenheiten geben, denn alle drei Monate finden christlich-islamische Diskussionen statt, und es wurde besprochen, zukünftig möglicherweise auch zentrale Feierlichkeiten wie das Zuckerfest, das islamische Fastenbrechen gemeinsam zu veranstalten. Das nächste Gespräch ist für den 6. Dezember angesetzt.

(tok)